PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Februarklage

Stadtleben | aus FALTER 07/04 vom 11.02.2004

... Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes ... Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen ... Freut euch und jauchzt ... Aber weh euch, die ihr reich seid, denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten ...

Lk 6,17.20-26 (Evangelium am 6. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres C)

Also rein theoretisch bin ich diesen Februar tausendmal reicher als im vorjährigen Februar, aber es kommt keine Freude auf. Keine Freude, keine Fröhlichkeit, kein Lachen. Ich sitze seit Donnerstag in meinem verwahrlosten Zimmer, und mitten am Tisch liegt eine große Schachtel mit alten Tüten und Sackerln in jeder Größe. In Plastik und in Papier. Vom Obsthändler über McDonald's zur Spitalsentlassung in München. Lauter aufgehobene Sackerln, weil ich sie ja später brauchen könnte. Die stand einige Jahre am Schreibtisch, sodass ich an ihm nicht sitzen konnte. Und nun steht sie seit Donnerstag am Esstisch im Zimmer. Und allen Leuten, die seit Donnerstag mir mailten, sie wollten mich treffen, gab ich Bescheid, nichts mehr zu können, denn am Tisch steht eine Schachtel. Konkret verhält es sich so, dass ich Hunger bekomme und esse. Denn während des Essens bin ich in geordneten Verhältnissen: Ich esse. Also ich tue erfolgreich das, was ich mir vorgenommen habe, habe mir also nun nicht vorzuwerfen, dass ich in Verzug sei, denn ich vollziehe erfolgreich das Vorgenommene. Dann tritt das Völlegefühl ein und ich muss schlafen. Auch das persolviere ich brillantest mithilfe meines Zuckerkomas. Und danach werde ich munter und sehe die Schachtel, doch ich bin vom Schlafen müde, setze mich neben die Schachtel und bekomme erste Essensfantasien. Und nur ganz wenige Augenblicke im Leben öffnet sich ein Zeitfenster, und ich kann so viel Kraft konzentrieren, wen anzurufen, mir gegen Geld die Schachtel wegzuräumen, ins Kastl zu stellen. So verbrachte Hermes Phettberg sein Leben.

  Weil Paulus in der heutigen zweiten Lesung (1 Kor 15,12.16-20) so sehr darauf pocht, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Gott ist ihm Wurst sozusagen, das Auferstehen bedeutet ihm alles. Indem Jesus auferweckt wurde, funktioniert's generell, das Auferwecktwerden. So weit ist also Paulus von mir nicht entfernt, es gibt nur darin eine Freude, weil in Zukunft etwas passieren wird. Irgendwann wird meine Sackerlschachtel in ihr Kastl gelangen. Und dann werde ich ganz kurz durchströmt sein von Erfolg und Erfüllung und daraufhin etwas essen, was zu Schlaf und Müdigkeit führen wird und dazu, dass etwas im dannigen Moment Unerledigbares unerledigt liegen bleibt. Ich habe es so oft geschrieben in den vergangenen zwölf Jahren, wo es diesen "Predigtdienst" jetzt gibt. Und obwohl ich tausendmal reicher bin als vor einem Jahr, ist die Lösung des Problems nicht zu finanzieren.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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