KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 08/04 vom 18.02.2004

Diese Ausstellung wird Geschichte machen", schrieb Otto Muehl 1961 euphorisch an seine Freundin Erika Stocker. In Bezug auf die damalige Schau lag der Künstler schief: Die kunsthistorische Würdigung von Muehls Malerei und Aktionismus kommt erst in den letzten Jahren langsam auf Touren. Einen sehr lebendigen Eindruck in Arbeit und Umfeld des Kommunengründers geben die Erika-Briefe, die jetzt in der Ausstellung "Kunst & Revolte. Archiv Wiener Aktionismus" im Mumok (bis 25.4.) studiert werden können. Zusätzlich zur permanenten Aktionismuspräsentation zeigt die Schau Plakate, Fotos, Skizzen, Texte und Publikationen des Aktionistenquartetts Brus, Muehl, Nitsch und Schwarzkogler.

  An den Archivmaterialien fasziniert die grafische Qualität; aber im digitalen Zeitalter kommt ja schon einem handgeschriebenen Brief die Aura des Besonderen zu. Interessant gestalten sich auch die unterschiedlichen Dokumentationsformen des Wiener Aktionismus: von den Mappen mit Kontaktabzügen, die der Fotograf Ludwig Hoffenreich zusammengestellt hat, bis zu Brus' Zeitung Schastrommel, die erstmals die Geschichte der neuen Kunstform in Druckform präsentierte. Die Ausstellung macht vor allem die akribische Planung der nur scheinbar spontan-ungezügelten Performances deutlich: Alle vier Aktionisten haben ihre Auftritte anhand von Zeichnungen, Partituren und Texten entwickelt. Auch die Ebene der Rezeption wird angerissen. So bringt die Vitrine zu Muehls Aktion "O Tannenbaum" die Konzepte des Künstlers mit Zeitungsartikeln und Flugblättern zusammen, die die Performance 1970 begleiteten. "Es geht darum, dass Muehl Geld verdienen will", beschuldigten wütende Studenten damals den durch die documenta-V-Beteiligung gerade arrivierten Avantgardisten.


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