PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Moment, was schrieb Frau Senger?

Stadtleben | aus FALTER 08/04 vom 18.02.2004

... Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halte auch die andere hin ...

Lk 6,27-38 (Evangelium am 7. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres C)

Nichts ist Montagfrüh schwerer wo zu kriegen als eine Sonntagsausgabe der Krone. Sie hat den Sonntag überzogen, und am Montag ist sie weg. Ich saß beim Lunzer und blätterte ohne irgendeine Erwartung, dass eine Freude sich einstellen könnte, sie durch. Wozu ich all das Zeugs habe, den Fernseher, den Computer, ich zappe und kriege doch nur einen Augenblick Hoffnung. Unausrottbar hoffe ich, zappe ich, blättere ich. Doch es kommt nichts und niemand kommt, und ich gehe auch nirgendwo hin. Allein der Schritt riecht mir herauf, der hält zu mir. Das Gebläse des Computers kommt von der Seite unter meinen Beinen hindurch und wirbelt den Duft herauf zur Nase. Der Wienstrom, der gute! Angebunden in Schmerzen und wissen, dass sich da wer versteckt hält! Der Satan das Feuer entfacht! Ich blätterte also gestern sogar die Krone durch, vielleicht ein Foto mit einem Jeansboy vom Baumarkt, und es kommt die Sexkolumne Sengers, und ich lese das Wort "deviant", bravo, bravo, die alte Senger. Auch wer sexuell abweicht, in etwa erinnere ich mich, hat deshalb keinen schlechten Charakter, und schon hab ich weitergeblättert, denke mir, das Blatt liefert ja doch den Millionen eine leichte Entkrampfung, und mehr schon beim Blättern als beim Lesen schnappe ich noch den Folgesatz auf. In etwa so, dass es den Sadisten Spaß bereitet, über ihren Partnern zu stehen, oder sie hinunterzuzwingen oder so ähnlich, schnappte ich auf, und war aber noch über den vorgegangenen Satz, dass das Deviantsein nicht schlimm ist, eingelullt, wie eine Katze, die schnurrt. Und erst daheim wiederkäute es, und ich wurde gewahr, dass das doch nicht geduldet werden kann, dass millionenfach wo stehen darf, dass es kein Charakterskandal sei, dass da "Sadisten oder Sadistinnen" existieren, denen es eben Lust bereitet, über andere zu herrschen. Es ist unerträglich, es hinzunehmen, dass irgendwann irgendwer über andere herrscht.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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