VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 09/04 vom 25.02.2004

Es war die Zeit, als der Journalismus im Falter durch verschiedene Einflüsse, sagen wir, gemäßigt wurde. Zum Beispiel durch Philosophie. Einer der klügsten Philosophen war und ist Wolfgang Pircher. In der fraglichen Zeit veröffentlichte er nicht nur den einen oder anderen großen Essay im Falter, er war auch mit Gesprächen präsent. Das Bemerkenswerteste von ihnen fand zweifellos mit dem französischen Philosophen Jean Baudrillard statt, dessen Werk Pircher mindestens so gut kannte wie dieser selbst. Baudrillard hatte in Wien an einem Kolloquium mit dem schönen Titel "Die erloschene Seele" teilgenommen und sich anschließend Pirchers Fragen gestellt. Ich durfte dabei sein, denn erstens war ich neugierig auf den großen Mann, und zweitens trug ich das Tonband, eine Funktion, die ich in Begleitung von Männern, die klüger sind als ich, stets gern ausgefüllt habe. So saßen wir denn im Garten des Cafés beim französischen Kulturinstitut, die Sonne schien, die Vögel sangen, die Straßenbahnen orgelten, die Autos brausten, die Philosophen redeten. Der fragestellende Philosoph sprach damals genau wie ich kein Französisch (oder wollte es nicht sprechen), deshalb hatte er einen befreundeten deutsch-französischen Philosophen eingeladen, seine Fragen zu übersetzen; Baudrillard wiederum sprach kein Deutsch. So saßen sie einander gegenüber. Der eine stellte eine Frage (24 Zeilen), der andere antwortete (176 Zeilen), und noch einmal, und noch einmal. Das war's. Drei Fragen, drei Antworten. Eine Falter-Doppelseite war voll. A.T.


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