VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 10/04 vom 03.03.2004

Werner Vogt und ich kamen zum Gespräch mit Claus Gatterer ins Spital. Gatterer lag nach einer schweren Krebserkrankung im Bett und begrüßte uns, eine Röntgenaufnahme schwenkend, mit den frohen Worten: "Ich habe ihn besiegt!"

  Sein Optimismus stellte sich, wie jeder Optimismus, als verfrüht heraus. Gatterer starb wenige Monate später. Der 1924 in Südtirol geborene Autor und Journalist war zum öffentlichen Thema geworden, weil der damals von Bacher geführte ORF Gatterers kritisches und allseits gerühmtes TV-Magazin teleobjektiv abgewürgt hatte. "Eine Sozialdemokratie, die das teleobjektiv wortlos aufgibt, ist kein Partner", merkte Franz Schuh dazu im gleichen Falter an. Dennoch mochte Gatterer nichts Schlechtes über Gerd Bacher sagen. Mit dem könne man prima streiten, sagte er, und wäre er in dessen Position, wer weiß, wie er, Gatterer, gehandelt hätte. Er komme ja aus dem gleichen Stall wie Bacher und dessen Chefredakteur Alfons Dalma, den Salzburger Nachrichten. "Wir haben alle drei einen Chefredakteur gehabt, den Gustav Adolf Canaval, ein Vorleber, ein Vorschreiber, ein Vorbild, ein herrlicher Mensch, ein wunderbarer Choleriker, ein alter Austrofaschist und KZler mit einer wahnsinnigen Toleranz. Er hat ein einziges Mal dem Bacher einen Aschenbecher nachgeworfen. Ich weiß nicht mehr, warum." - Er hat ihn sicher nicht getroffen? "Nein." Über Österreich sagte Gatterer, ihn ärgere fast alles, der Provinzialismus, die Enge. Was er schätze, sei, dass kein Hurrapatriotismus verlangt werde. Und: "Wenn sich die Geschichte einen solchen Zwischenstaat ausgedacht hat, muss man ihn doch gernhaben und mitzutragen versuchen." A. T.


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