KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 10/04 vom 03.03.2004

Die Designperiode von Anfang der Sechzigerjahre bis zur Ölkrise 1973 gehörte den poppigen Möbeln aus Polyester und Thermoplasten. Zu den Vertretern dieses von Verner Panton und zahlreichen italienischen Designern bekannt gemachten Stils zählte auch der Deutsche Luigi Colani, dem jetzt zusammen mit seinem Kollegen Günter Beltzig die Schau "Experiment 70" im Kaiserlichen Hofmobiliendepot (bis 4.4.) gewidmet ist. Der Ausstellungstitel stammt von Colanis Entwurf einer spacigen, kugelförmigen Küche, in der sich Herd, Mikrowelle und so weiter wie in einem Cockpit bedienen lassen. Leider ist die Kochkugel in der Schau nur auf Fotos vertreten. Dafür reichen die Exponate vom handsignierten Meditationsstuhl in Schwarz über eine Menge Kindermöbel bis zum Modell eines aerodynamischen Lkws. Beltzigs Entwürfe bleiben zwar durch die Bank hinter Colanis Schnittigkeit zurück, dafür sticht der extravagante Stuhl "Floris" von 1967 heraus, der mit seiner Kopfstütze an eine Gottesanbeterin erinnert.

  Die Verwendung von biomorphen Formen, die heutzutage der Computer generiert, bedeutete für Colani und Beltzig noch ein ästhetisches Statement gegen die ungebrochene Dominanz des Bauhauses in Deutschland und eine Anknüpfung an den Jugendstil. In den begleitenden Ausstellungstexten wird diese stilistische Orientierung mit Colanis "offensichtlicher Begeisterung für das Feminine, Emotionale, Organische" erklärt. Wie ein gutes Leben - ohne riesige Utopien - anno 1973 ausgesehen hat, präsentiert eine Werbung für den Polyesterstuhl "Der Colani": Darauf führt der schnauzbärtige Designer selbst als kuscheliger Softie in Socken die vielfältigen Sitzmöglichkeiten seiner Kreation vor.


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