PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Der Kardinal, der mich fesselte

Stadtleben | aus FALTER 12/04 vom 17.03.2004

"Die Wahrheit in Liebe tun"

Motto Kardinal Franz Königs

In jedem seiner Sätze lag eine kleine Konzession des Irrens. Ganz zart eine Ankoppelung an den Ausstieg zur Freiheit. Ich habe jetzt noch einmal ganz genau hingehört bei den Wiederholungen seiner Fernsehauftritte. Er sagte nie: Ich komme vom lieben Jesulein, ich gehe zum lieben Jesulein. Er sagte eine Million Mal, dass er sich früge, woher er komme, wohin er gehe? Immer ein Fragezeichen, immer diese Intelligenz. Im 99. Lebensjahr ist Kardinal Franz König, in den letzten Wochen sehr altersschwach geworden, ohne dass dies die Medien gesteckt gekriegt hätten, am 13. März 2004, noch nachts, im Schlaf gestorben. Ganz nahe am Nichtglaubenkönnen wird er sich eines Tages dazu durchgerungen haben, in Ritterlichkeit zur religiösen Welt des Glaubens, nahe dem Vermuten, durchgerungen haben. Das ist jetzt mein Roman über ihn. Ich kenne ihn nur aus den Medien, alles, was jetzt folgt, habe ich mir zusammengereimt.

  Sein Vater, Herr König, ein kleiner Bauer, ist sehr jung gestorben, und seine Mutter heiratete nochmals, diesmal einen Herrn Kaiser. Und sie konnten nicht zueinanderfinden auf dem Bauernhof. Und dort wurde viel Rosenkrank gebetet, und er wird begonnen haben zu sehen, das Österreichische kriecht. Und studierte und ging nach Rom. Er studierte diese vielen Sprachen und die persische und überhaupt die vielen anderen Religionen. Und entwickelte seinen polyglotten Stil, dem Österreichischen zum Trotz, schreibe ich jetzt leichtfertig hierher. Der Hauptschüler über den Hundertjährigen.

  Der Kardinal lebte im übernächsten Häuserblock, und immer wieder, wenn einer mit einem Hut wo einstieg in den 57A, träumte ich davon, er wäre es, aber er war es nie. Ich bin ihm nie begegnet also hier im Grätzl, aber mein Herz liebte ihn. Er war ein Gentleman und unösterreichisch. Seine Sätze waren alle so anders: "Die Wahrheit in Liebe tun", das sagte schon alles, war so neurotisch angelegt, aber der Kardinal dürfte nicht neurotisch gewesen sein, nichts deutete darauf hin. Oder als er die kommunistischen Staaten achtungsvoll ansprach mit dem Satz: "Uns verbindet das gemeinsame Menschsein." Oder der geradezu skandalöse Satz eines Kardinals. Wieder eine Frage, keine Antwort.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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