"Es läuft mir davon"

Extra | KARL WAGNER | aus FALTER 13/04 vom 24.03.2004

LEBENSERINNERUNGEN Die beiden im Vorjahr verstorbenen Literaturkritiker Reinhard Baumgart und Adolf Frisé sind - von Musil bis Handke und Habermas - vielen bedeutenden Zeitgenossen begegnet und versinken doch nicht im Anekdotischen. 

Merkwürdige Gattung der Lebenserinnerungen: Niemand mehr traut ihrem Wahrheitsanspruch, am allerwenigsten die Berufsleser, und fast jeder will sie schreiben (lassen). Gelesen wurden und werden sie nach wie vor gern, ungeachtet - oder wegen? - der angelsächsisch-handfesten Maxime: "Everything is non-fiction, except autobiography." Wie das Beispiel Marcel Reich-Ranicki, Fritz J. Raddatz oder jetzt eben Reinhard Baumgart und Adolf Frisé zeigt, sind es gerade die professionell Misstrauischen, die sich in eigener Sache mit allen Kunstgriffen dieser Gattung bemühen, den Vorbehalt gegen das "Lebenschreiben" zu zerstreuen. Es hat den Anschein, dass man nach der zerstreuenden Arbeit am Lebenswerk anderer zumindest schreibend endlich zu einem eigenen Leben kommen


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