Beinahe Osterpinze

Stadtleben | WOLFGANG PATERNO | aus FALTER 14/04 vom 31.03.2004

BRAUCHTUM Es gibt das Osterlamm und das Osterei. Das Beste an Ostern ist aber die Osterpinze.

Es ist alljährlich wieder ein fröhliches Rittern um die beste Pinze. In der Neubaugasse behauptet etwa eine Filiale der Bäckerei Schwarz, dass hier und nur hier die beste Osterspeise in town zu finden sei, und das locker seit Gründung der Backstube im Jahr 1903. Anruf bei der Bäckerei Josef Schrott, äußere Mariahilfer Straße, ebenfalls ein Traditionsbetrieb: "Selbstverständlich", sagt eine freundliche Stimme, "gibt es bei uns exzellente Pinzen." Beinahe Wortidentes bekommt man auch in den Grossistenfilialen von Anker und Mann, beide in der Nähe des Westbahnhofs angesiedelt, zu hören: Spitze sei die saisonale Spezialität.

Nur bei der Frage der exakten Zubereitung tröpfeln die Informationen. Zum "Firmengeheimnis" versteigen sich die Angestellten in den Filialen nicht gerade, eher schon zu einem verhaltenen "Das weiß ich nicht so genau". Anderswo ist Exakteres über die seit Jahrzehnten zu Ostern verzehrte steirisch-slowenisch-kärntnerische Speise aus Germteig zu erfahren, zum Beispiel auf der Verpackung einer Ströck-Osterpinze. Hundert Gramm vom Naschzeug enthalten in diesem Fall 320 Kilokalorien und 9,2 Gramm Fett. Auch literaturfähig ist die Mehlspeise mit dem eingesetzten Ei bereits geworden, der Schriftsteller Franzobel hat erst jüngst in dem Roman "Scala Santa" die unschuldige, süße Pinze dem schärfsten Bilderbruch ausgesetzt: "Selten hatte die Welt so ein verdorbenes Hurengesichtchen ausgespuckt, so eine Fleisch gewordene Frivolität. (...) Der Rumpf ein weißes, rindenloses Brot, beinahe Osterpinze."

Liebevoller ist da der Bestseller "Die gute Küche", verfasst von Ewald Plachutta und Christoph Wagner. Mehl, Staubzucker, Butter, Germ, Milch, Vanillezucker, Eidotter plus eine Prise Salz und ein Eidotter zum Bestreichen braucht die perfekte Pinze, die Zubereitung ist erstaunlich einfach. Motto der Kochanleitung: Die beste Pinze ist immer noch die selber gebackene Pinze.


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