SPIELPLAN

Kultur | WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 15/04 vom 07.04.2004

Eine flog über den Ständestaat: Nach der erfolgreichen Inszenierung von Taboris "Mein Kampf" in der Meldemannstraße setzt Regisseurin Tina Leisch im Jugendstiltheater am Steinhof erneut auf den Genius Loci. Ihr Stück "Irrgelichter im Spiegelgrund" (bis 22.4.) spielt im Bürgerkriegsjahr 1934 am Steinhof; unter den Patienten befinden sich unter anderem eine sozialistische Februarkämpferin und ein nationalsozialistischer Mörder, auch das Ärzteteam ist streng paritätisch besetzt (ein Sozialist, ein Austrofaschist, eine Nationalsozialistin, ein Jude). Auch diesmal arbeitet Leisch mit gemischtem Ensemble; neben Profis und Szene-Laien (Künstlerin Mara Mattuschka und Kabarettist Leo Lukas) stehen zahlreiche Patienten auf der Bühne - darunter Co-Autor Lennart Lakatos, der einen witzigen Steinhof-Mundl gibt. Ein thematisch überladener, politisch superkorrekter Abend mit einigen schönen Momenten, die am dilettantischen Lehrstückcharakter der Veranstaltung aber nichts ändern: Die Beteiligten haben vermutlich mehr davon als die Zuschauer.

  Auch bei der neuen Produktion von Robert Quitta ist der Spielort die Hauptattraktion: Wie zuletzt für "Tschechow in Badenweiler" (1995 im Südbahnhotel am Semmering) verlässt der Wiener Autor-Regisseur für "Tolstoi in Astapovo" (bis 18.4.) die Stadtgrenzen. Der greise russische Schriftsteller hatte 1910 während einer Zugfahrt einen Schwächeanfall erlitten und verbrachte die letzten Tage seines Lebens auf einem Krankenlager im Provinzbahnhof von Astapovo. In Quittas Rekonstruktion stirbt Tolstoi im seit zwanzig Jahren stillgelegten Bahnhof Pulkau, einem malerisch verkommenen Gebäude in der Pampa des nördlichen Weinviertels. Die Anreise aus Wien (ein Shuttle-Bus wird angeboten) dauert länger als das Stück: Das Publikum sitzt neben dem röchelnden Dichter im Wartezimmer und erlebt eine 50-minütige Textcollage mit Zitaten aus Tolstois Werken. Viel Aufwand, wenig Wirkung. Oder: Der Weg ist das Ziel.


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