KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 16/04 vom 14.04.2004

Es ist ein morbider Vorgang, den Ene-Liis Semper in ihrer dichten Videoarbeit "Oasis" in Szene setzt: Der Betrachter sieht nur den kahl geschorenen Kopf der Künstlerin auf weißem Hintergrund, als plötzlich zwei Hände den Mund der jungen Frau öffnen. Als Nächstes taucht ein rotes Schäuflein mit Erde auf, das seine Last direkt zwischen Sempers Lippen versenkt. Ein Begräbnis bei lebendigem Leibe oder eine Form der Folter, fragt man sich ob des unangenehmen Anblicks schluckend. Aber da tauchen die Hände schon wieder auf, diesmal mit einem Pflänzchen, das sie ganz sachlich in die bereitete Erde setzen. Am Schluss ergießt sich ein Wasserstrahl über die Blüten und Ene-Liis Sempers Gesicht. Jedes der drei Videos der estnischen Künstlerin, die gerade in der Galerie Martin Janda (bis 8.5.) zu sehen sind, fasst existenzielle Belange in einfach-poetische Bilder - und trifft den Betrachter direkt in den Bauch.

  Auch dem Japaner Yoshitomo Nara geht es um die Dinge, die uns ganz tief drinnen bewegen; zuletzt war der 1959 geborene Künstler bei der Ausstellung "Trauer" im Atelier Augarten vertreten. Naras romantische Pop-Art bevölkern eigenwillige Figuren, die durch ihr Kindchenschema und beigefügte Textelemente entfernt an Mangas denken lassen, sich durch ihren Zeichenstil aber doch deutlich von den Comics seiner Heimat abgrenzen. Zu den schönsten der jetzt in der Galerie Meyer Kainer (bis 15.5.) gezeigten Arbeiten gehört ein Zyklus von Zeichnungen auf Kuverts: Die kritzeligen Bilder von süßen, rebellischen Fratzen berühren durch ihre Beiläufigkeit weit mehr als die riesigen, handbemalten Plastikobjekte im Zentrum der Ausstellung.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige