AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 18/04 vom 28.04.2004

Fünfzehn Jahre nach dem Mauerfall traut man sich zwischen Saar und Oder wieder, das Wort "Deutschland" in den Mund zu nehmen. Die Unsicherheit über die staatliche Identität weicht einem vor kurzem noch unvorstellbaren Interesse für das, was einem geografisch am nächsten liegt. Entsprechend zahlreich sind die Anthologien, deren Herausgeber ihre Autoren auf die Suche nach der Seele des Landes schicken. Typisch gesamtdeutsch sind zum Beispiel die japanischen Touristen in Rothenburg ob der Tauber - haben sich jedenfalls die Zeitungsredakteure Alex Rühle und Sonja Zekri gedacht. Liest man "Deutschland extrem", erblickt man in dem beschriebenen Land aber höchstens ein Extrem im Hervorbringen fader Reisefeuilletons.

  Man sieht den Deutschen ja einiges nach, schließlich haben sie ein durch vierzig Jahre Teilung beschädigtes Selbstwertgefühl. Man verzeiht, dass sie sich zuerst einmal an die eigenen Klischees erinnern müssen und daher zu Orten aufbrechen wie der ältesten Brauerei (Bayern, wo sonst), der ältesten Jugendherberge (logisch, auf einer Burg) und dem größten Bordell (natürlich in Köln) - um dort Bauklötze zu staunen, weil sie nie gedacht hätten, dass so etwas in Deutschland liegt. 1965 war zum letzten Mal ein "Atlas" erschienen, in dem Autoren aus Ost und West gemeinsam eine Topografie der gesamt-nationalen Befindlichkeit zeichnen durften - und das für Jahrzehnte. Klaus Wagenbach hat das historische Dokument anlässlich des vierzigsten Verlagsjubiläums neu aufgelegt. Es war die letzte feuilletonistische Reise ins Ich, in der Schriftsteller sich des Worts "Deutschland" bedienten, bevor dann nur noch von "DDR" oder "BRD" die Rede war.

Alex Rühle, Sonja Zekri (Hg.): Deutschland extrem. Reisen in ein unbekanntes Land. München 2004 (C.H. Beck).

107 S., E 15,40

Klaus Wagenbach (Hg.): Atlas. Deutsche Autoren über ihren Ort. Berlin 2004 (Wagenbach). 317 S.,E 20,10


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