Fragen Sie Frau Andrea

Milch, Reis, Gusi

Stadtleben | aus FALTER 18/04 vom 28.04.2004

Liebe Frau Andrea,

ein Rätsel macht mir seit einigen Wochen zu schaffen. Unsympathische Worte wie Bischof oder Landeshauptmann besitzen einen Plural, andere, sympathischere wie Milch oder Reis jedoch keinen. Versagt hier die Sprache gegenüber der Realität, oder habe ich in der Volksschule nur nicht gut aufgepasst? Apropos Gerechtigkeit: Warum gibt es im Deutschen keine weiblichen Vornamen, die auch als Nachnamen verwendet werden? Rätsel über Rätsel, die Sie hoffentlich lösen können. Mit besten Grüßen, Fabian F., Internet

Lieber Fabian,

dass Bischöfe und Landeshauptmänner pluralfähig sind, liegt in der Natur der Sache. Schließlich werden Ämter, vom Klassensprecher bis zum Gott, von einander abwechselnden Individuen bekleidet. Singulärer wird es bei Personen. Che Guevara, Jesus, Alfred Gusenbauer oder Fritz Muliar sind so einzigartig, dass uns Che Guevarae, Jesusse, Gusenbauern und Muliare nicht abgehen. Milch ist der Rest einer Partizipialkonstruktion und versteht sich sinngemäss als das "Gemolkene". Auch Reis ist eigentlich eine Qualität, ganz wie es auch andere pluralunfähige stoffliche oder emotionelle Zustände wie Rot, Fleisch, Laub, Gold, Rauch, Zorn oder Glück sind. Das Fehlen deutscher Nachnamen, die aus weiblichen Vornamen gebildet werden, wird unter anderem vom Italienischen ausgeglichen, in dem es von weiblichen Familiennamen wie Santabarbara, Santachiara, Santagiustina, Santamaria, Santamonica, Santapaola, Santarossa, Santasusagna, Santavaleria geradezu wimmelt.

"Fragen Sie Frau Andrea" gibt es auch als Falter-Buch! dusl@falter.at


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