VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 19/04 vom 05.05.2004

Der so genannte Dialog mit dem Leser, Teil 2. 1984 hatte man ein schlechtes Gewissen, wenn man sein Publikum zu Marketingzwecken ausbaldowerte, und man meinte, die Ergebnisse mit allerlei Sperenzchen umwunden kredenzen zu müssen (vgl. Falter 17). Aber kein harter Kern ist so fein gesponnen, dass er nicht kommt an die Sonnen. In der übrigens seit Herbst 1983 existierenden Kolumne "Seinesgleichen geschieht" wurde Klartext geredet. In dieser Kolumne erschienen ein paar Monate lang nicht nur die Glossen ihres Chronisten, er teilte sie mit Glossen anderer Falter-Autoren und auch mit redaktionellen Mitteilungen. Sie wurden erst mit Kürzeln gekennzeichnet, aber auch diese verschwanden bald, sodass ab März 1984 dem Publikum unbekannt bliebt, wer das neben dem Inhaltsverzeichnis stehende "Seinesgleichen geschieht" geschrieben hatte.

  In der vorliegenden Ausgabe hatte der Glossist (Glossistinnen kamen damals nicht einmal anonym vor) der Leserschaft zu erklären, was sie war. Sie bestand aus Postmaterialisten, also Leuten, die sich "von den Zielvorstellungen des Wirtschaftswunders" abgewandt hatten und Werte wie "Humanisierung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft", "Abrüstung, Friedenssicherung und Umweltschutz " vorzogen.

  Also fragten wir: "Überrascht es Sie, dass Sie Postmaterialist sind? Uns nicht. Bemerkenswert erscheint dieses Faktum erst im Vergleich mit der österreichischen Gesamtbevölkerung." Mithilfe einer Grafik klärten wir auf, dass 84 Prozent des Falter-Publikums, aber nur 5% der österreichischen Gesellschaft postmaterialistischen Werten zuneigten, während 15% (Österreich: 52%) als Mischtyp bezeichnet werden mussten und ein (1) ganzes Prozent als Materialisten (Österreich: 38%). Gebildet, mobil, belesen, anders: Je schon Avantgarde, diese Leserschaft. A. T.


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