Mut, Mutter!

Stadtleben | CHRISTOPHER WURMDOBLER | aus FALTER 19/04 vom 05.05.2004

Ritual Diesen Sonntag ist "Muttertag" - und wieder spielen alle "Kinder" mit.

Weil wir ja alle irgendwie noch Kinder und die meisten von uns auch als Erwachsene noch im Besitz einer Mutter sind, wird diesen Sonntag in den Blumengeschäften der Stadt wieder die Hölle los sein. Diesen Sonntag ist nämlich Muttertag, und alle machen mit: Töchter, Söhne, aus undefinierbaren Gründen auch Ehemänner - und natürlich die Mütter selbst.

Zurück geht der Muttertag, abgesehen von den üblichen keltischen oder altgriechischen Ursprungsverdächtigungen mutterehrenhalber, auf die amerikanische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Julia W. Howe. 1872 forderte sie einen Feiertag für die Mütter. Nach Howes Tod griff ihre Tochter Ann Marie Reeves Jarvis die Idee auf, und 1914 veranlasste Präsident Woodrow Wilson, dass jeder zweite Sonntag im Mai ein Muttertag sei. Und weil in den USA auch das Mombusiness ein Business ist, hatten Geschäftsleute schnell viele hübsche Ideen, wie den Müttern der Tag verschönt werden könnte - mit Dingen, die übers Auswendiglernen von Gedichten oder Grußkartenmalen hinausgingen: vor allem mit Blumensträußen und Pralinenboxen. Nach dem Ersten Weltkrieg feierte man auch in Europa den Muttertag. Zunächst nur in Skandinavien und Österreich, ab 1923 auch in Deutschland. Weil im Nationalsozialismus der Muttertag zum Staatsfeiertag erklärt und für den Mutterkult ideologisch missbraucht wurde, hat das Ganze einen unangehmen Beigeschmack.

Wer seine Mama mag, rennt nicht in Parfümerien ("Muttertagsspecial"), Konditoreien ("Muttertagsherzerl"), Blumengeschäfte ("Muttertagsarrangements") oder Reisebüros (ebenfalls "Muttertagsarrangements"), sondern ist einfach nur nett. Und zwar nicht nur am zweiten Maisonntag, sondern immer. Unter anderem auch deshalb, weil am Sonntag in den Blumenläden die Hölle los ist.


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