DIE MACHT DER BILDER

Symbole der Erniedrigung

Politik | aus FALTER 20/04 vom 12.05.2004

Bilder produzieren eine Wahrheit, die ihre eigene Wahrheit ist, und sind so gesehen immer auch ein bisschen ungerecht. Nach allem, was man weiß, wird in dem amerikanischen Gefängnisarchipel zwischen Guantanamo Bay, Abu Ghraib und Bagram Airbase gequält und misshandelt, um Gefangene mürbe zu machen. Sexualisierte Folterpraktiken dürften dennoch seltene Exzesse sein.

  Ein wenig ungerecht ist wohl auch, dass die 21-jährige Soldatin Lynndie England sich den Rest ihres Lebens unter zivilisierten Leuten nicht mehr zeigen wird dürfen. Sie ist zwar der "Star" auf den Bildern, dürfte aber eher zufällig in das Geschehen hineingezogen worden sein, als sie ihren Geliebten, den Militär-Polizei-Specialist Charles Garner, gelegentlich bei "der Arbeit" besuchte.

  Doch der Wahrheit der Bilder wird man mit Relativierungen nicht beikommen. Lynndie England, wie sie einen nackten Gefangenen an der Leine führt - dieses, und die anderen Bilder, werden diesen Krieg entscheiden. Amerika selbst wird den Glauben an die Legitimität seines Tuns verlieren. Und die Bilder werden Symbole werden für das Verhältnis des Westens zur islamischen Welt. In ihnen verdichtet sich das Gefühl der Erniedrigung, das heute schon in der arabischen Welt vorherrscht. Und sie bestätigen genau das Bild vom unmoralischen, enthemmten Westen, das die Islamisten beschwören.

  Bilder entscheiden darüber, wessen Sache in einem moralisch günstigen Licht erscheint und sie brennen sich in das Gedächtnis ein: Das Bild von dem weinenden, nackten Mädchen, das in Vietnam dem Napalm entflieht; das Bild des Polizeichefs von Saigon, der einen Gefangenen hinrichtet; die grünstichigen Bilder vom klinisch-sauberen Krieg in den Neunzigerjahren; und nun die Bilder der ausschweifenden Niedertracht. Paradox, welche welthistorische Bedeutung ein unwichtiges Mädchen aus dem Mittleren Westen erlangen kann. R. M.


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