Fragen Sie Frau Andrea

Gute Haltung

Stadtleben | aus FALTER 20/04 vom 12.05.2004

Liebe Frau Andrea,

ich kämpfe schon länger mit einem Wiener Phänomen, dem Zeitungshalter. Offenbar ist dieses Kaffeehauspatent nicht für großformatige Zeitungen gedacht, mein Cafetier spannt trotzdem immer wieder Zeitungen wie die "Süddeutsche" in das Gerät ein. Jetzt weiß ich nie, wie ich am elegantesten lesen soll: Immer die gesamte Zeitung auf dem Rohrstaberl liegend oder aufgeblättert? Helfen Sie mir! Gustav, Wien 6

Lieber Gustav,

Fragen der Etikette kaschieren stets eine technische Kondition. Zum Beispiel das Verbot, Knödel mit dem Messer zu schneiden: Dieses Tabu heißt uns Klöße mit der Gabel zu reißen. Die scheinbar sinnfreie Regel hat einen technischen Hintergrund: Mit gerissenen Knödelstücken kann Soße wesentlich besser aufgetunkt werden als mit geschnittenen. Oder die Regel, Kaffeehauskaffee, und mag es kleiner Schwarzer vom Hohlmaß eines Fingerhutes sein, nie ohne Blechtablett zu servieren: Dahinter steckt die Tatsache, dass Kaffee ewige Flecken in Tischmarmor hinterlässt. Zeitungen vom Format der Neuen Zürcher, Frankfurter Allgemeinen, Süddeutschen oder der Zeit, jenen Formaten also, deren Lektüre Showcharakter hat, werden so gelesen: Die rechte Hand manipuliert den Mittelgriff, der Rahmen liegt schräg an der Tischkante auf. Mit der linken Hand spannen Sie den losen Heftteil. Je lauter Sie umblättern, desto besser! Absolutes No-no ist das Ausspannen aus dem Halter. Das Herausreißen von Artikeln sollten Sie seitenweise unternehmen. Auch hier gilt: je langsamer und lauter, desto besser.

Frau Andrea gibt es jetzt auch als Falter-Buch. dusl@falter.at


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