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Österreichbild

Politik | aus FALTER 22/04 vom 26.05.2004

Es gab Zeiten, da galt der ORF als moderne Institution. Da flitzten die silbernen Übertragungswägen durchs Land, da wurden freche Sozialreportagen produziert, und die besten Designer gaben der Anstalt eine Corporate Identity. Die britische BBC galt als Vorbild. Vielleicht war all das nur verklärter Schein. Doch heute gibt es nicht einmal mehr den. Vergangener Samstag, ORF 2: die Pilgerfahrt zur "Gnadenmadonna" nach Mariazell - live. Im Radio ist später auch noch zu hören, dass wir von den Osteuropäern die "Hingebung" lernen sollten. Danke. Ungläubige schalten zu ORF 1: die Hochzeit des spanischen Thronfolgers - natürlich auch live. Danach Weltnachrichten Marke ZiB: ein schrecklicher Kanu-Unfall in Tirol, ein fesselnder Beitrag zur Frage, ob wir Österreicher in vier Jahren bei Autopannen reflektierende Westen tragen oder nur im Auto mitführen müssen. Es folgen zeitgleich: Moik und Assinger. Danach "Gstanzln aus Kaltenhausen". Gewiss kann Fernsehen auch mal schlecht sein. Doch dieser letzte Samstag war so herrlich programmatisch. Wir erleben die Verlindnerung des öffentlichen Lebens, die absolute Entpolitisierung des größten Mediums, das die Themen in diesem Land vorgibt. In einer angeblich säkularisierten, aufgeklärten Demokratie werden Pilgerfahrten, Monarchenhochzeiten und Stadlschunkeleien mit Tratsch à la "Österreichbild" garniert. Wer will uns hier zu Provinzlern machen? F. K.


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