STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 22/04 vom 26.05.2004

Want to fuck? Marcia will, nur weiß sie's noch nicht; es gibt halt Leute, die man zu ihrem Glück erst überreden muss, weshalb Lenin kurz den Taschenfeitel zieht, um der Aufforderung ihrer Freundin, genannt Mao, ein bisserl Nachdruck zu verleihen. Die zufällige Begegnung setzt "Tan de repente" (wie der deutsche Verleihtitel weiß: "Aus heiterem Himmel") in Bewegung. Marcia, die in Buenos Aires ein glückloses Dasein als Verkäuferin in einem Dessousgeschäft fristet, lässt sich von den Punkerinnen in einem geklauten Taxi "verschleppen": Zunächst ans Meer, das sie noch nie gesehen hat, danach in ein kleines Dorf im Landesinneren, wo Lenin einer alten Tante nach Jahren wieder mal Besuch erstattet. Diego Lerman, von der Kritik als wichtiger Regisseur des jungen argentinischen Kinos gefeiert, setzt in seiner Low-Budget-Produktion auf raues Schwarzweiß, karge Dialogszenen und die sphinxhafte Coolness der Protagonistinnen. Aber mit Ausnahme einiger Szenen, in denen einfach nur dahingefahren wird und im Hintergrund die Landschaften und Milieus wechseln, wirkt in diesem Film alles irgendwie forciert. Die räudige Oberfläche bleibt eine räudige Oberfläche - sonst nichts.

  Wie lange 81 Minuten im Kino sein können, davon berichtet "Rad der Zeit" von Werner Herzog: Ein "new age travelogue", wie der Chicago Reader maliziös bemerkte, der wohl mehr was "für spirituelle Touristen als Bewunderer von ,Aguirre, der Zorn Gottes'" sei. Aufgenommen wurde der Film im Jahr des Pferdes (zuletzt 2002) in Indien (Bodh Gaya) und Österreich (Graz) anlässlich des so genannten Kalachakra, eines Initiationsritus', der die "Aktivierung eines Samens der Erleuchtung zum Ziel hat". Ganz am Rande, etwa in Gesprächen mit einem Mönch, der sich drei Jahre vorher auf den Weg gemacht hatte, um rechtzeitig am Ziel zu sein, gelingen Herzog ein paar Szenen, die so dicht, ja unfassbar sind, dass sie auch der mit gläubiger Ehrfurcht von ihm selbst eingesprochene Kommentar nicht völlig kaputtzumachen vermag.


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