STREIFENWEISE

Kultur | MAYA McKECHNEAY | aus FALTER 31/04 vom 28.07.2004

Von Anfang an fragt man sich, woran einen die Bilder von Jan Sardis australischer Schmonzette "Eine italienische Hochzeit" ("Love's Brother") eigentlich erinnern. Diese Farben, dieses Licht, das immer ein bisschen wie warm untergehende Herbstsonne leuchtet. Alte Männer mit Schiebermützen, die vor kleinen Cafés sitzen, dralle junge Frauen in Glockenröcken, Kinder mit Kulleraugen. Die Kleinstadt - eine Bühne, eine Kulisse, eine Inszenierung. Und genau das ist es: Sardis Film erinnert in jeder Minute an jene Sorte Werbespot, wo alles ist, wie es sein soll. Wo knorrige alte Männer auf Jack-Daniels-Fässern Karten spielen und Zopfmädchen beim Greißler Milka Tender kaufen. Wo wohl komponierte Totalen Lust auf emotional aufgeladene Großaufnahmen machen. So richtig zum Reinkuscheln, aber wer braucht das dieser Tage? Papp-schwül ist es draußen eh.

  Besser die "Italienische Hochzeit" für den nächsten antidepressiven Wintervideoabend aufheben und jetzt ins Freiluftkino gehen, in das "unter Sternen" gelegene zum Beispiel, in den Augarten. Am 29. Juli feiert man hier Sommerfest, mit einer Tombola und Bowle für alle. Und mit einer Wienpremiere, Stefan Schwieterts filmischem Tourtagebuch "Accordion Tribe", für das der Regisseur fünf internationale Akkordeonisten, darunter Otto Lechner, auf ihre gemeinsame Tournee begleitete. Okay, die langen Konzertmitschnitte sind nicht jedermanns Sache, dafür entlohnen die sehr persönlichen Momente am Rande, etwa jene Szene, in der der blinde Otto Lechner die Kamera auf einen Gegenstand hinweist, den er selbst nicht sieht: das Handtuch im noch fremden Hotelbadezimmer, nach dem er sekundenlang geduldig mit der Hand tappt, bis er es findet. Lechner kennt dieses Spiel schon. Für uns ist es neu, und wir meinen in diesem Ertasten neuer Räume für einen Moment das eigentliche Wesen der Konzerttournee, ja vielleicht auch des Reisens überhaupt zu erkennen.


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