MIKROKOSMOS STEPHANSDOM

Die mit der Stephanikrankheit

Stadtleben | aus FALTER 31/04 vom 28.07.2004

Franz Weinwurm macht seinen Morgenspaziergang und kocht dann Kaffee für alle. Jeden Tag das gleiche Ritual. Um zehn nach fünf verlässt der große, weißhaarige Mann seine Dienstwohnung am Domplatz. Zuerst einmal die Runde um den Dom, bevor Weinwurm ihn durch das seitliche Prim-Tor betritt. Dann der Kontrollgang durchs Gotteshaus. Welke Blumen, schiefe Kerzen? Liegt ein Läufer nicht symmetrisch? Dem strengen Auge des Kirchenmeisters und Sakristeidirektors Weinwurm entgeht nichts. Er kennt jeden Stein, jede Ritze des Stephansdoms. "Naja, das prägt sich nach vielen Jahren ein", meint Weinwurm. Die drei Putzfrauen sind schon an der Arbeit, genauso wie der diensthabende Mesner. Bis sechs müssen sie fertig sein, dann wird der Dom aufgesperrt, die Frühaufsteher kommen zum Beten. Das Morgenlicht, das unwirklich durch die Glasfenster bricht, das riesige stille Kirchenschiff. "Der frühe Morgen und der späte Abend sind die schönsten Momente", sagt Weinwurm. Etwas kontemplative Ruhe. Dann

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