VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 32/04 vom 04.08.2004

Einmal im Jahr setzte sich die Falter-Redaktion, nein das gesamte Falter-Personal von der Sekretärin bis zur Setzerin in Richtung Oberösterreich in Bewegung, wo es eine Woche lang galt, die Gastfreundchaft der Familie Hurch zu missbrauchen. Auf deren einschichtigem Bauernhof pflegte man Gruppendynamik und Psychodramen, kochte, trank, spielte Fußball und setzte sich selbstverständlich zielorientiert mehrere Stunden am Tag mit Zukunftsplänen auseinander. Derweil erschien in Wien ein Falter, dem man die einwöchige Abwesenheit der Redaktion nicht anmerkte, was sich mit der damals zweiwöchentlichen Erscheinunsgweise des Falter erklären lässt.

  Da konnte man zum Beispiel einen Nachruf auf den soeben verstorbenen Claus Gatterer lesen, verfasst von Peter Huemer. "Er hatte sich", schrieb Huemer, "ein Motto gewählt, als er mit dem ,teleobjektiv' begann, er hat es in der ersten Sendung verkündet und häufig wiederholt: ,Das Fernsehen verlöre seinen Sinn, wenn es von Ängstlichen für Ängstliche gemacht würde.'" Gatterers "teleobjektiv" war - mitten im Bacherfunk - eine Insel kritischer Abweichung; wohl deswegen wurde sie zuletzt eingestellt. Die Frage, ob das Fernsehen heute noch "einen Sinn" hat, stellt man erst gar nicht mehr.

  Liest sich der Nachruf auf Gatterer wie ein Nachruf auf eine aussterbende Gattung, so nimmt sich das Interview mit Hermann Nitsch in der gleichen Ausgabe wie eine Insel im Zeitstrom aus. Mitten im Sommer fand ja heute wie vor 20 Jahren in Prinzendorf eine große Aufführung von Nitschs "Orgien-Mysterien-Theater" statt. "Die meisten Menschen haben Angst vor dem Leben und Angst vor dem Sterben, Angst vor jedem Erfahren. Ich hingegen möchte aber ein intensives Erfahren, ein ganz intensives Erleben, vor allem durch mein Theater bewirken." Ein Meister der Konstanz! a.t.


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