PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Schweiz voll Katzen!

Stadtleben | aus FALTER 32/04 vom 04.08.2004

... Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert, ... der wird viele Schläge bekommen ...

Lk 12, 32-48 (Evangelium am 19. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres C)

Die Schweiz wird von Katzen bewohnt, sie gehen ausschließlich am Gehsteig und rennen niemals. So wie junge Erstarrte, gehen sie leicht o-beinig, weil sie es nicht wahrhaben können, wiewohl sie höchstpersönlich existieren, nichtsdestotrotz gehen zu müssen. Wie der Rotmilan, ein Adler, der von unten aussieht wie ein Segelflugzeug, zwei Meter Flügelspannweite, von Geburt an begann, auch ein Paragleiter zu sein, und um den Berg seine endlosen Runden dreht, Stunde um Stunde, ohne die Flügel zu schlagen, sodass ich mir schon dachte, es sei nun der endgültige Paragleiter über dem Berg, schwarz und nicht bunt, nun ist er da über dem Felsen, der ein spitzer, zweitausend Meter hoher Stephansdom sein könnte, so spitz ist er, dass sich so gefährliche Aufwinde bilden, dass mir der Taxifahrer erzählte, die größte Gefahr für die sei es, dass sie immer höher hinauf sich winden. Und oben ohne Luft und Wärme erfrieren und dann nachts vom Himmel stürzen. Der Berg ist ein Findling, zugewandert aus Grönland. Und beide gleiten zur selben Zeit, wenn die Aufwinde sind, der Milan und die Burschen, die sich ineinander verliebten, der Milan genau dann ebenfalls, wenn auch die Fallschirmgleiter gleiten, weil beide Informationen besitzen, wann das Gleiten geht. Und der Milan (oder wie er heißt, aber weil "Milan" so schön klingt) gleitet natürlich viel länger als die gewöhnlichen Gleiter. Und zeigt's ihnen, wie's geht. Und landet dann auf derselben Wiese mit dem Windrichtungssack, wie die, und wundert sich dann, dass am Acker niemand mehr ist. Fliegt auf, schaut rum, niemand mehr da. Alle wieder heimgegangen, bepackt mit so viel am Rücken. Wie die Fiakerpferde am späten Abend mit den Vorderbeinen in die Luft ausschlagen und nicht mehr warten wollen, bis die Ampel grün wird.

  Das dürfte die Machisten so o-beinig machen, dass sie das kraft ihrer Physis ahnen, dass sie physisch sein müssen. Und darum so gekränkt gehn, wie die Schweizer Katzen am ausschließlichen Bürgersteig. Sie werden begriffen haben, dass auf der Straße Autos fahren und sie niederführn. Irgendwann während der vielen Generationen. Ich besitze nämlich auf den vielen Haufen irgendwo das Buch "Was tun mit toten Katzen?" Ich weiß es auch nicht. Sie haben aber die Physis am Hals wie wir, und wenn wir uns gegenseitig erblicken, egal, ob Katze, Maus, Milan oder Mensch, wir wissen, was es bedeutet, ein Gelenk zu bewegen. Es ist also nicht, wie Kardinal Schönborn beim Requiem Klestils meinte: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet", die Physis ist schon viel weiter, sie weiß alles von sich. Ein dickes Gelenk und ein zierliches. Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, ist also metaphysisch schon längst überwunden: Ich richte nicht, weil wenn ich gehe, muss ich selber, ganz meinerseits, mein Bein vor mein Bein, nicht dein Bein vor dein Bein bewegen. Und die Religion hält uns nur auf, macht uns Skrupel, ob da jetzt was nicht stimmt mit den Beinen, verwirrt uns mit der Zwischenstufe, richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Unser Ein und Alles aber wäre unser Stolz, wir richten nicht, weil wir ja von unseren Gelenken wissen, wie der Kater, den ich hüten sollte, alles Elend wusste, wenn er auf dem Gehsteig ging. Linkes vorderes Bein nach vorne, gleichzeitig aber auch rechtes hinteres: tapp, tapp, tapp. Und cool, nicht laufen, nichts zeigen. Tapp, tapp, tapp.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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