AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 33/04 vom 11.08.2004

Europa begann das afrikanische Kernland erst dann zu erforschen, als man Ersatz für die unabhängig gewordenen amerikanischen Kolonien brauchte. Bis dahin hatte das Innere des Kontinents als Projektionsfläche für exotische Fantasien gedient, man betrat es nicht und ließ sich von Einheimischen mit der Handelsware Sklave beliefern. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts drangen Draufgänger wie Gerhard Rohlfs in das Herz Afrikas vor. Rohlfs hat 1861 bis 1867 "Das Geheimnis der großen Wüste" gelüftet und mit seinen Sahara-Expeditionen Forschungs- und Kolonialgeschichte geschrieben. Rainer-K. Langer liefert in seiner Biografie die Charakterstudie eines exemplarischen Abenteurers, der vom machtpolitischen Nutzen seines Tuns motiviert war.

Afrika hat Dutzende europäische Mythen produziert: der britische Entdecker Livingstone an den Quellen des Nils, das Ideal einer Wohlstandsgesellschaft in Timbuktu oder Tarzan, der Wilde in jedem von uns. In dem reich bebilderte Prachtband "Die Entdeckung Afrikas" betrachtet Jean de la Guérivières den schwarzen Kontinent von der Warte der Weißen. Auf den ersten Blick gewinnt man den Eindruck, hier würde ein Klischee nach dem anderen bedient. Hätte Guérivières indes im Tonfall der Political Correctness gegen jene Faszination angeschrieben, die von der National Geographic Society bis heute vermittelt wird, hätte er den Kampf gegen den übermächtigen Mythos gewiss verloren. Denn weltpolitisch wirkt das Wechselspiel aus Verklärung und Verachtung nach wie vor weiter. So aber kann er eindrucksvoll zeigen, dass die Erforschung und Ausbeutung Afrikas zu jenen historischen Fundamenten zählen, auf dem das heutige Europa errichtet wurde.

Rainer-K. Langer: Das Geheimnis der großen Wüste. Frankfurt a.M. 2004 (S. Fischer). 302 S., E 20,50

Jean de la Guérivières: Die Entdeckung Afrikas. Aus dem Französischen von Egbert Baqué. München 2004 (Knesebeck). 215 S., E 51,30


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