VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 34/04 vom 18.08.2004

Der in Czernowitz geborene und 1935 in die USA emigrierte Biochemiker Erwin Chargaff war wesentlich an der Erforschung des genetischen Codes beteiligt. Im Gespräch mit Wolfgang Reiter sagte er: "Ich bin einerseits in meiner Zeit ein anerkannter Wissenschaftler gewesen ... ich habe Ehrendoktorate und alles Mögliche dieser Art, (...) so ziemlich das meiste, was man so kriegen kann. Aber ich habe gleichzeitig die ganze Zeit Kritik geübt. Ich bin nicht beliebt bei meinen Kollegen, und wenn man mit bedeutenden Wissenschaftlern meiner Generation sprechen würde, würden sie sagen, ja, er ist ein Spinner, er ist naiv, er hat eine phantastische oder romantische Vorstellung von dem, was Wissenschaft eigentlich ist. (...) Ich habe mich von abscheulichen Experimenten immer sehr fern gehalten. Ich habe zum Beispiel nie im Leben selbst ein Tierexperiment gemacht. (...) Es gibt keine Arbeit von mir, in der ein Tier geopfert worden wäre. Wir haben insgesamt so viel über Bakterien gearbeitet, weil ich zumindest den Angstschrei der Bakterien nicht hören konnte. Wahrscheinlich ist auch das eine Illusion, aber von Tao faseln und gleichzeitig das Tier auf den Kopf hauen geht nicht. (...) Die Naturwissenschaften ziehen jetzt Typen an, die sich früher dem Sklavenhandel gewidmet hätten (...) Nichts ist verboten, alles ist erlaubt. Genesis 9, ,Macht Euch die Erde untertan', züchtet Chimären, züchtet Riesenmäuse oder superintelligente Ratten mit dem IQ eines japanischen Gymnasiasten. (...) So geht es weiter, bis irgendwann einmal ein Ende kommt, denn es kommt immer ein Ende. Auch Rom hat seinen Fall nicht vorausgesehen." Wenig später erhielt Chargaff den Nobelpreis. A. T.


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