VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 35/04 vom 25.08.2004

Auch das gab es noch zur Lebenszeit des Falter. Ein damals junger (und noch immer nicht besonders überstandiger) Redakteur interviewte eine ältere Dame, die ganz unbefangen über ein paar Bekanntschaften aus ihrer Jugendzeit plauderte: die Herren Peter Altenberg und Karl Kraus, Adolf Loos und Egon Friedell. Stella Klein-Löw, 1904 in Przemysl in der Ukraine geboren, war Mittelschuldirektorin und sozialdemokratische Politikerin. 1939 wurde sie zur Emigration gezwungen, 1959-70 saß sie als Abgeordnete im Nationalrat.

  Peter Altenberg lernte sie kennen, als der das kleine Mädchen in einem Park ansprach. Wie bekannt, war der Dichter sehr nachlässig gekleidet, trug zerrissene Sandalen. Eines Tages fragte sie ihn, ob er nicht seine Füße waschen könne. Er fragte zurück, ob man sich bei ihr zu Hause so streng benehmen müsse. Darauf lud sie ihn ein und kündigte ihren Eltern den Gast so an: "Er schaut aus wie ein Bettler. Geld hat er auch keines. Macht viele Brote, er ist sicher hungrig!"

  Klein-Löw war auch bei Altenbergs Begräbnis, auf dem Karl Kraus die Grabrede hielt. Er kam anschließend zu ihr und fragte: "Was weinst du so?" Sie antwortete: "Was duzen Sie mich?" Später war sie bei allen seinen Vorlesungen, selbst bei der berühmten, in der er Dollfuß rechtfertigte. Ihre Verwandten protestierten durch Pfiffe. Sie selbst verließ mit Freunden den Saal, aber "wir pfiffen nicht". Sie konnte nicht verstehen, "wie ein Mensch, der für mich zwar nie ein Vater, aber doch immer ein leuchtendes Vorbild war, den Mörder meiner Freunde unterstützen konnte". Klein-Löw erlebte Kraus auch bei Gesprächen mit Adolf Loos und Egon Friedell im Café Pöchhacker (Falter 1984: Pöschacher). Das Interview mit ihr führte Erich Möchel. Zwei Jahre nach dem Falter-Gespräch starb Stella Klein-Löw. a.t.


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