VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 36/04 vom 01.09.2004

Ernsten Gesichts betrat mich der Kollege Taschwer, um mir zu bedeuten, Erwin Chargaff habe niemals den Nobelpreis erhalten. Das geschah allerdings nicht vor zwanzig Jahren, sondern letzte Woche, kurz nachdem ich in dieser Glosse den altösterreichischen Biochemiker und Essayisten mit dem schwedischen Lorbeer gekrönt hatte. Fälschlicherweise, ich entziehe ihm den Preis mit dem Ausdruck des Bedauerns wieder und wende meinen Blick zurück in den August des Jahres 1984.

  Damals war es im Falter Sitte, im Sommer seitenweise nicht nur über Literatur zu schreiben, sondern Literatur selbst zu publizieren, vorzugsweise aus dem Kreis der Falter-Mitarbeiterschaft, aber auch von Autorinnen und Autoren, die im Kaffehaus oder im Beisl einem nahe zu sitzen kamen. In jenem Sommer gab es Texte von Katharina Riese, Ludwig Fels, Herbert J. Wimmer oder Adolf Eszöl. Es setzte auch Fotoessays satt, zum Beispiel eine Gegenüberstellung eines Fotos, das Rainer Dempf vom Donauturm aus machte, mit Fotos von peruanischen Erdzeichen.

  Oder, unter dem Molièreschen Titel "L'escole des maris", einige Texte von "Julien" mit Fotos von "Fabrice" - sie können mich sonstwo hineinstechen, ich wüsste nicht mehr, wer sie schrieb. Was er (oder sie) schrieb, lässt sich nachlesen. Neben sechs Fotos, die sechs fast identische Blicke auf eine trostlose Dachlandschaft zeigen, steht beispielsweise: "Eine Frau hat mich so weit gebracht, dass ich nichts mehr weiß. Was ich noch kann, ist dumpf vor mich hin zu onanieren und mich dann angeekelt zu säubern." Und sonst? Der Falter entschuldigte sich dafür, auf der letzten Ausgabe das Datum der vorletzten gebracht zu haben, kündigte eine Neuauflage des "erfolgreichen Merkhefts Wien, wie es isst" an und teilte mit, ab Herbst werde er mit einer Graz-Ausgabe erscheinen. a.t.


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