VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 38/04 vom 15.09.2004

Es ist reizvoll, aus alten Faltern ein Bild der neuen Zeiten zu zeichnen. Wien 1984: Ein Rechtsanwaltsanwärter namens Dr. Thomas Prader beharrt darauf, kein Anwalt zu sein. Der Anlass damals: Der Falter hatte geschrieben, Zeugen eines Vorfalls möchten sich beim Anwalt des betroffenen Herrn Unterwaditzer melden, eben bei Dr. Thomas P. Was nicht war, wurde doch noch.

Auch die reiche Ernte medienrechtlicher Verurteilungen nahm 1984 einen mehr oder weniger zarten Anfang; der Falter wurde verurteilt, weil er (als Zitat gekennzeichnete!) Flugblätter von einer Greenpeace-Aktion veröffentlicht hatte. Greenpeace hatte am Kraftwerk Dürnrohr ein Transparent angebracht, das gegen den SO2-Ausstoß protestierte. Das Gericht urteilte, der Falter habe die Aktion in einer Form gutgeheißen, die geeignet war, "das allgemeine Rechtsempfinden zu empören und zur Begehung solcher Handlungen aufzureizen". Mittlerweile ist es ja so weit gekommen, dass wir nicht einmal mehr über Gerichtsurteile berichten dürfen, auch wenn wir die Berichte mit dem Zusatz "noch nicht rechtskräftig" versehen. Darüber wird in seiner Weisheit der Europäische Gerichtshof urteilen.

Damals aber half uns niemand, nur unsere Leser munterten uns auf. "Falter, bleib bei deinem Stil", schrieb einer. "Handelt euch noch viele ,Ver-Urteilungen' dieser ,Rechts-Sprechung' ein. Damit ihr's euch leisten könnt, habe ich beschlossen, ein Abo zu bestellen und weitere zu werben. Gehindert hat mich daran bisher nur das Preisausschreiben!"

Ein braver Abonnent! Aufrechte Abonnentinnen und Abonnenten gibt es heute ja mehr als damals. Sie sitzen in Schanigärten, um deren längere Öffnungszeiten der Falter damals kämpfte, während müde Falter-Redakteure nicht schlafen können, weil der letzte Gast unter ihrem Fenster erst um eins nach Hause geht. So ändern sich die Zeiten. a. t.


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