VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | a. t. | aus FALTER 39/04 vom 22.09.2004

Diese Kolumne dient auch dazu, ein Gefühl für das Wiener Tempo zu bekommen. Wie schnell vergeht die Zeit in dieser Stadt? Nimmt man eine Notiz auf der Beislseite des 20 Jahre alten Falter, mäßig schnell: "Eingedenk der bösen Erfahrungen mit Kaffeehausrenovierungen erregte die Ankündigung, das Café Museum solle über den Sommer in seinen ursprünglichen Zustand rückgeführt werden, bei Stammgästen einige Besorgnis. Sie können beruhigt aufatmen, mehr noch: Das Museum ist wieder das schrecklich-schönste Kaffeehaus Wiens. Es wurde neu ausgemalt, die Stühle wurden gestrichen, der Linoleumboden durch helle Terrazzoplatten ersetzt, das Lokal wirkt kühler als vorher. Fast arrogant, wie es an sich glaubt, aber berechtigt."

Wie wir wissen, wurde die Rückführung in den befürchteten Zustand letztes Jahr wirklich, sodass ab 2003 nagelneue Nostalgieschichten auf dem nunmehr als schrecklich empfundenen Zustand abgelagert werden müssen; ab zirka 2034 wiederum wird man jede Schändung des dann eingetreten Jetztzustands, zum Beispiel die Idee einer Rückführung in den Zustand von 1984, als Sakrileg und tätlichen Angriff auf das Wohlbefinden gewisser Kreise empfinden. In der Kolumne "vor 50 Jahren im Falter" werden wir Sie auf dem Laufenden halten.

Vor 20 Jahren hatten wir auch einen Mensa-Test, verfasst von Andrea Hurton, die nicht nur mit bewährten Sprüchen aufwartete ("Der Student geht solange zur Mensa, bis er bricht"), sondern auch eine Praxis der Mensabetreiber aufdeckte, die hoffentlich längst der 20 Jahre alten Vorzeit angehört: dass diese Kerle nämlich in der Sommersaison die Preise erhöhen "um die Touristen auszunehmen".

Sonst hat sich gewiss alles geändert, was die Autorin anprangerte: unsoziale Preisgestaltung, fantasielose Speisenwahl und die fehlende Möglichkeit, Mahlzeiten individuell zusammenzustellen. Es lebe der Fortschritt!


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