VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 40/04 vom 29.09.2004

Waren das Zeiten, möchte ich jedes Mal an diese Stelle setzen. Es waren Zeiten, als ein frisch erschienenes Buch von Thomas Bernhard beschlagnahmt wurde, weil ein Feuilletonredakteur einer Tageszeitung erkannt hatte, dass in diesem Text ein Kärntner Komponist kaum verschlüsselt von Bernhard attackiert wurde. Haider spielte dem Komponisten Lampersberg sein Rezensionsexemplar zu, dieser ging zu seinem Anwalt, der wiederum erreichte, noch ehe das Buch ausgeliefert war, dessen Beschlagnahme.

  Die Zeitung hieß Die Presse, der Redakteur war deren Literaturkritiker Hans Haider, und Franz Schuh führte mit ihm ein Gespräch unter dem schönen Titel: "Finden Sie, dass sich Hans Haider richtig verhalten hat?"

  Dieser aber sprach: "Es schien mir unumgänglich, dass man auch diese Schlüssel benennt. Nun war ich blockiert durch die mir dadurch drohende Komplizenschaft mit Herrn Bernhard. Dann gibt es, und das ist mein zweiter Punkt, ein ziemlich formales medienrechtliches Argument: In dem Augenblick, in dem ich für mich erkennbare Verbalinjurien, also Verleumdungen, Verspottungen etc. zitiere, mache ich mich desselben Mediendelikts in der Zeitung schuldig, wie der Verleger und der Autor es riskieren. Nun kommt folgendes: Ich wollte diese große Rezension schreiben, ich habe plötzlich gemerkt, dass ich eine merkwürdige Verantwortung auf mich nehme und ein merkwürdiges Risiko trage (...)Wenn ich weiß, dass nicht geklagt werden wird (...) dann schreibe ich leichter, freier, ungenierter. Und genau deshalb habe ich das Buch den Betroffenen vorgelegt und sie um eine Stellungnahme gebeten."

  "Wie weit hältst du überhaupt für möglich, dass dir das jemand glaubt?", fragte Franz Schuh daraufhin. Selige Zeiten, dürftige Welt! Durch zahllose Klagen mürbe gemacht, würde es heute jeder Falter-Volontär glauben, sogar in der Kulturredaktion. a. t.


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