FRAU ANDREA N ROSSIJA

Oktiabrskaya

Stadtleben | aus FALTER 41/04 vom 06.10.2004

Das Gostinitza Oktiabrskaya in dem ich gerade wohne, das Sankt Petersburger Hotel Oktober, ein enormer Kasten aus der Gründerzeit, ist nach der großen Revolution von 1917 benannt. In der Nacht vom 25. zum 26. Oktober dieses Jahres hatte der so legendäre wie unblutige Sturm auf das Winterpalais der russischen Zaren stattgefunden. Das Oktober-Hotel liegt nicht schlecht: An der Kreuzung des Petersburger Goldader Newskij Prospekt und des eher semimondänen Ligowskij Prospekt gelegen, müsste es nach modernen kalendarischen Kriterien eigentlich November-Hotel heißen, denn die berühmte Oktoberrevolution fand eigentlich in der Nacht des 7. November statt. Die Konfusion von November und Oktober ergibt sich daraus, dass 1917 in Russland noch der Julianische Kalender galt. Und nach dem Julianischen Kalender war der 7. November russlandweit der 25. Oktober 1917. Diese Datumskonfusion sollte bleibende Spuren im Jahreszeitenverständnis der russischen Hotelverwaltungen nach sich ziehen. So beginnt die Heizsaison in den Hotels der Stadt an der Newa ungeachtet der Lage im hohen Norden für hiesige Verhältnisse bitter spät: So um den 1. November alter, 19. Oktober neuerer Zeitrechnung. Ausnahmen von dieser Regel finden nur dann statt, wenn es an sieben aufeinander folgenden Mittagen kälter als acht Grad ist. Etwas prosaischer ausgedrückt: In meinem schnuckeligen kleinen Hotelzimmer im Oktober/November-Hotel ist es kälter als im Herzen von Wladimir Putin.

dusl@falter.at


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