POPHISTORIE

Adorno und die Beatles

Extra | aus FALTER 41/04 vom 06.10.2004

Nirgendwo wird so viel gelogen wie in Untertiteln. Von findigen Marketingmenschen ersonnen, um den Verkauf eines Buches anzukurbeln, finden sich hier oft die seltsamsten Blüten. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ein kleines, feines Büchlein wie "On the Wild Side" den erdrückenden Zusatz "Die wahre Geschichte der Popmusik" verpasst bekommt. Geht's vielleicht etwas bescheidener?

  Egal. Martin Büsser, Mitherausgeber der Popreader-Reihe "testcard" und mit allen Wassern gewaschener Kenner der Materie, hat sich mit seinem jüngsten Titel tatsächlich eine größtmögliche Leserschaft verdient. "On the Wild Side" erzählt zwar nicht die wahre, einzig gültige, aber viele geheime Geschichten der Popmusik. Büssers Hauptaugenmerk liegt auf künstlerischen Innovationen, ihren Hintergründen und Auswirkungen.

  Beginnend mit 1966 - dem Jahr von "Pet Sounds" und "Sgt. Pepper" - versteht er Popmusik als eine Kunst mit "Werkbewusstsein, das weit darüber hinausging, einfach nur griffige Songs abzuliefern". Hätte Adorno die Beatles etwas später gehört als in ihrer leichten Anfangsphase, er wäre wohl zu einem ganz anderen, weniger vernichtenden Urteil über Popmusik gekommen, mutmaßt Büsser. Denn "Verstöße gegen ungeschriebene, doch von allen eingehaltene Gesetze" führten von da an zu aufregenden neuen Stilen und Sounds. Bis es irgendwann nach dem Siegeszug von HipHop und Techno nichts mehr gab, das nicht schon mal irgendwo gesagt wurde. An diesem Punkt steht Pop nun bereits seit etwa zehn Jahren: "Jeder nur erdenkliche Rückgriff, jede aber auch nur erdenkliche Verknüpfung von Stilen ist erlaubt." Die Popgeschichte ist damit noch nicht an ihrem Ende angelangt, aber ein kurzweiliges, intelligentes Zwischenresümee wie "On the Wild Side" kommt gerade recht. S. F.

Martin Büsser: On the Wild Side. Die wahre Geschichte der Popmusik. Hamburg 2004 (Europäische Verlagsanstalt). 284 S.,

E 20,50


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