Editorial

Extra | CHRISTIAN ZILLNER | aus FALTER 43/04 vom 20.10.2004

wieder wohnen

Der Sommer war sehr schön - na, das stimmt nicht. Aber zum Ausgleich haben wir einen - grauslichen Herbst. Auch schön. Bleibt einem nichts anderes übrig, als in der eigenen Wohnung zu lagern (in den Cafés beginnt jetzt die dumpfe, die sauerstoffarme Zeit). Cocooning oder Homing nennen das die Trendscouts, obwohl es eigentlich nicht mehr ist, als die Flucht vor der Kälte. Wenn sich die Menschen in ihre eigenen vier Wände zurückziehen, herrscht schlechtes Wetter - nicht nur im Meterologischen, sondern auch im Sozialen. Persönliche Kontakte scheinen immer anstrengender zu werden. Jeder hat jedem zu erzählen, mit welchen Projekten er gerade die Welt einreißt, darüber kann einem eine halbe Stunde wie ein quälend langer Abend vorkommen. Marketing entfaltet endlich auch im sozialen Leben seine segensreiche Wirkung. Wenn man einander vor lauter Selbstaufblasung nicht mehr sehen kann - wen kümmert 's? Uns bleibt ja immer noch die Wohnung, wo wir so mies sein dürfen, wie wir uns fühlen.


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