SPIELPLAN

Kultur | KARIN CERNY | aus FALTER 43/04 vom 20.10.2004

Dass Puppen- und Figurentheater nicht nur etwas für Kinder ist, hat sich - nicht zuletzt dank der grandiosen Gastspiele von Neville Tranter - längst herumgesprochen. Sind es bei Tranter Typen wie Salome oder Hitler, die dann als Puppen nicht nur abgründig, sondern auch ziemlich witzig sein können, so versucht Regisseurin Karin Koller in "Wiener Orchestrion" (bis 30.10.), dem "Wienerherz", das bekanntlich eine Mördergrube ist, auf die Spur zu kommen. In 17 Episoden sehen wir unter anderem schrumpelige Wienerinnen, die sagen: "I könnt's auch schön hab'n. Aber i leg kan Wert drauf." Der Abend im Lilarum setzt auf schwebende und skurrile Atmosphäre, die lakonischen Texte werden aus dem Off eingespielt. Klar, so manche Pointe kennt man bereits (Elizabeth Spira lässt grüßen!), vieles aber überrascht angenehm, weil die liebevoll gebastelten Puppen ziemlich ekelig sein können - etwa wenn zwei Dickbäuche Kaugummi aus ihren Bauchnäbeln ziehen. Und es dauert nur eine Stunde - auch daran könnte sich das "echte" Erwachsenentheater ein Beispiel nehmen.

  Der jüngste Wurf des Biografienforschers Robert Quitta dauert eineinhalb Stunden, und puppentheatermäßig klar ist auch das Setting von "Strindberg experimentiert" (bis 30.10.) im dietheater Konzerthaus. Während der Dramatiker und Tausendsassa August Strindberg wie ein kleiner Junge mit seinem ersten Chemiebaukasten experimentiert, kreisen seine drei Ehefrauen wie Elektronen um einen egomanen Atomkern. Strindberg will Gold herstellen, seine Frauen werden mit ihren Kindern und ehelichen Ansprüchen allein gelassen. Eine typische Quitta-Amalgamierung, die raffiniert Strindbergs Infernokrise, seine Forschungen, seine Eheprobleme und seine Theatervorstellungen ("Theater sollte nie länger als eine Stunde dauern") zusammendenkt. Thomas Seiwald ist ein überzeugend getriebener Strindberg, die Frauen neigen mitunter zu etwas exaltiertem Spiel. Und eigentlich wäre eine halbe Stunde kürzer nicht nur besser, sondern auch konsequenter.


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