PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Mein himmlischer Lunzer

Stadtleben | aus FALTER 43/04 vom 20.10.2004

... damit wir einst als unverhüllte Wirklichkeit empfangen, was wir jetzt in heiligen Zeichen begehen ...

(Schlussgebet am 30. Sonntag im Jahreskreis)

Fünfzehn Häuser nach Fünfhaus hinein, also genau gesagt, vom Gumpendorfer Gürtel, wo die U6 hält, stadtauswärts nach Wien XV, die Sechshauserstraße hinein, befindet sich rechter Hand der Lunzer. In 1150 Wien, Sechshauserstraße 30. Und zwar befindet er sich unscheinbar. Also, viele Jahr ging ich an ihm vorbei, als ich Fotokopieren fuhr mit dem Bus. Nämlich der 57A hält bei mir daheim, und drei Stationen weiter hält er vorm Lunzer, und gegenüber lag der Copyshop, wohin Leute, die nicht viel zu tun haben, gerne ihre Werke festhalten gehen. Und nachher ging ich gerne in eines der Kleinen Fastfoodhäuser dort in der Nähe, doch die hatten entweder keinen Kaffee, oder das Soda war nicht kalt bzw. die Tupfen in ihm zu wenig fest. Wenn die vielen Wirtshäuser wüssten, dass so viele Leute sie nicht wieder aufsuchen, weil ihr Soda lasch und schal ist. Mit Bier würde sich das niemand erlauben, aber Soda zu pflegen, gilt für viele Wirtys nachgerade als unchauvinistisch.

  Und dann betrat ich, wenige Tage vor meinem fünfzigsten Geburtstag, den Lunzer. Und ich bestellte viel Senf, Pommes, Berner, eiskaltes, mörder getupftes Cola und viele Tassen brennheißen, schwarzen Kaffee. Und die Familie hatte das alles, ja hortete es nachgerade. Und die alkoholfreien Getränke waren kalt, und die Tupfen waren stark, und der Kaffee war bestens und vollkommen heiß, und ich blieb bei den Lunzers und habe sie nie mehr verlassen. Und bemerkte nach einer Woche, dass ich nicht brach, kein einziges Mal. Und aß Krautfleisch, und Beiried und Gansl und Berner, Petersilkartoffeln, Bratkartoffeln, Gulasch und Knödel mit Ei. Und überhaupt Lunzer'sche Knödel, schlug mir alle Wänste voll und die rülpsten, aber furzten nicht und waren von Glück erfüllt. Es ist ein so ein kleines Restaurant, keine hundert Leute haben Platz, aber ich habe in diesen vergangenen zwei Jahren die Speisekarte noch nicht durch, so gut ist sie, dass ich ständig hängen bleibe. Ich sitze beim Lunzer, und wenn ich daheim bin, weine ich vor Gunst.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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