VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 44/04 vom 27.10.2004

Zwei Dinge erstaunen mich zunehmend mehr: der aktuelle Falter vor mir und der alte zwanzig Jahre hinter mir. Was da alles drinstand! Zum Beispiel ein Bericht über das ausgezeichnete Ergebnis der FPÖ bei Kärntner Landtagswahlen, wo mit Erstaunen registriert wurde, dass ein gewisser, als "Links-Rechts-Überholer" apostrophierter Jörg Haider mit dem Kärntner Heimatdienst gemeinsame Sache gemacht hatte. Ein Bericht über die ersten medizinischen Gruppenpraxen in Wien und Graz. Ein Gespräch von Christian Reder mit dem Leiter der SPD-Grundwertekommission Erhard Eppler. Ein Bericht von einem Anarchistentreffen in Venedig. Ein Text über die Veränderungen in China ("Eine mächtige Flut von Reformen überschwemmt China"); dazu gleich ein passender Reiseteil, in dem Chinareisenden das Rüstzeug mitgegeben wurde; darin fanden sich auch zwei Essays Reders über das Weggehen und das In-Der-Fremde-Sein am Beispiel Nepals und - etwas überraschend für einen Reiseteil - eine ganzseitige Rezension von Foucaults Geschichte der Sexualität von Otto Pfersmann.

  Aus Venedig berichtete Peter Oswald über die Uraufführung von Luigi Nonos Prometeo, aus Berlin Elisabeth Loibl vom Shakespeare-Zyklus des Théâtre du Soleil. Hans Hurch interviewte den Dokumentarfilmer Jean Rouch, Werner Korn kritisierte die Internationale Bauaustellung Berlin, und letzte Woche schon brachten wir den Text des Drogen-Psychiaters Otto Presslich.

  Nicht ohne berührt zu sein, liest man einen satirischen Text über die Antrittsrede Helmut Zilks als Bürgermeister. Er trägt nämlich den Titel "Zilk Bombe". "Bombe" war publizistisch gemeint, Zilk kündigte an, er werde gegen Korruption nicht nur vorgehen, sondern "schärfstens vorgehen". In Anbetracht dessen, dass Jahre später eine Briefbombe des Franz Fuchs Zilk die linke Hand kostete, kann man sich von eigenen und fremden Phrasen nur zur journalistischen Vorsicht mahnen lassen. a. t.


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