"Wie in der Türkei"

Politik | FLORIAN KLENK | aus FALTER 44/04 vom 27.10.2004

GERICHT Einseitige Gutachter, vergessene Belastungszeugen, müde Staatsanwälte, Respektlosigkeit gegenüber Hinterbliebenen: im Prozess um den von der Polizei erschossenen Binali Ilter gibt es noch immer kein Urteil. 

Vor dem Verhandlungssaal wartet die Mutter des Toten. Im Saal gibt es keinen Sitzplatz für sie. Medienvertreter und Polizisten waren schneller. "Wer nicht sitzt", sagt die Richterin Sonja Häupler-Salat, "muss den Saal verlassen." Stundenlang wartet am Gang auch der Arzt Dr. Herwig F. Er hatte zufällig beobachtet, wie ein junger, verwirrter Mann von der Polizei am Stubentor erschossen wurde, und er hatte sich darüber beschwert, dass die Polizei den röchelnden Burschen minutenlang im Blut liegen ließ. Er sagt: "Man muss doch wenigstens schauen, ob er noch lebt." F. wird das heute wieder nicht im Zeugenstand sagen können. Er, den die Richterin in der ersten Verhandlung gar nicht laden wollte, kam heute zehn Minuten zu spät - und wurde dann von der Richterin leider am


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