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Stadtleben | aus FALTER 44/04 vom 27.10.2004

... ein wenig nur werden sie gezüchtigt,

doch sie empfangen große Wohltat ...

Weish 3,1-9

(1. Lesung an Allerseelen [2. Nov.])

Jetzt ist es also amtlich: Im rasenden Flug um Sonne und schwarzes Loch hat die fürsorgliche Mutter Erde, die nun wirklich als traditionell bezeichnet werden muss, sogar ihr eigenes Nichts mit dabei. Es war das Nichts, in das hinein es sie zerriss ursprünglich, das ihr blieb und sie umgibt und folglich gegenwärtig wurde. Dieses uralte Nichts wurde der Sonne mitentrissen, umgab die Abrundung, die erste Erkältung, war dabei, als die Ozeane entstanden, die Atmosphäre, der Mond aus der Erde geschossen, alles wieder zu Bruch ging, erneut alles erbrodelte, die Laubbäume entstanden, der ostafrikanische Grabenbruch, die Assyrer, die Azteken und schlussendlich Malta. Immer alles im Nichts bis wir hineinschleudern ins Loch in der Mitte, ganz langsam.

  Wir sollten also dieses großes Nichts viel inniger betrachten. Ich habe schon oft so sinniert, da stünde nun ich voller Stolz und vor Millionen Lichtjahre befand sich an dieser Stelle vielleicht eine gewaltige Sonne. Doch die ist verflogen, und nun bin da ich. Und ich dachte in etwa das All wie Geografie, doch hatte ich mit dem Nichts nicht gerechnet, dass wir Himmelskörper alle, wenn wir so sausen, uns umringen mit dem klebrigen Raum. Und also das All noch niemals berührt werden konnte, von etwas bereits Entstandenem. Alles Entstehende bleibt in seinem nichtigen Raum, der übrige, und wird ihn nimmermehr los. Der übrige Raum ist nie mehr berührbar, es sei denn mittels Raketen oder Kollisionen. Wenn wir wie glückliche, selbstvergessene Kinder auf unseren Planeten hocken und so dahinbrausen, kommt vor uns und hinter uns rundum und oben unser eigenes Vakuum und ruft gleichsam wie ein Zeremonienmeisty: mach Platz, All, es erscheint nun die Erde, ich bin ihr Nichts. Und ächzend und krächzend quetscht sich der herumlungernde Raum unter großen Mühen, um Platz zu machen für uns. Und dann erscheinen wir wie der Zug Trotzkys aus dem Nichts in "Dr. Schiwago". Oder der Ozeanriese in Fellinis "Amarcord".

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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