AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 45/04 vom 03.11.2004

Der 1888 geborene Fernando Pessoa war eine gespaltene Persönlichkeit. Er erfand eine ganze Reihe an Pseudonymen, die alle ihre eigene Biografie verpasst bekamen. Die einzelnen, meist lebensuntüchtigen Ichs diktieren den Editionsplan der Werkausgabe des Ammann-Verlags, die erstmals alle Texte des trinkenden Melancholikers auf Deutsch zusammenführen wird. Eine der bislang unbekannten Abspaltungen ist das Prosafragment "Die Erziehung zum Stoiker" aus der Feder des beinamputierten 20. Baron von Teive, Alvaro Coelho de Athayde, den Pessoa 1932 der Literaturgeschichte unterjubeln wollte. Keine seiner Deckidentitäten litt so stark unter der selbst gewählten Unerträglichkeit seiner Existenz wie der adelige Selbstmörder. Mit fatalistischen, ob ihrer Analysebesessenheit schmerzhaft masochistischen Reflexionen über ein Leben ohne Glück und Sex martert der Baron sein Publikum - eine Qual, die nur für obsessive Pessoa-Leser zu ertragen ist.

  Nicht minder nihilistisch, aber durchgehend lebensbejahend,


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