STREIFENWEISE

Kultur | MAYA McKECHNEAY, DREHLI ROBNIK | aus FALTER 48/04 vom 24.11.2004

Der Erzähler ist ein Karpfen, ein blutüberströmtes Exemplar mit hervorquellenden Augen, das auf einem Hackbrett der eigenen Zerteilung harrt. Doch vor dem Tod will uns das Tier noch "eine hübsche Geschichte erzählen". Mit diesem Kunstgriff in romantischer Tradition schafft der frankokanadische Regisseur Denis Villeneuve eine Rahmenhandlung, die den Vorwurf der klischierten Schicksalswendungen schlau abfedert (vielleicht hätten auch Julio Medem oder Tom Tykwer, die in ihren Liebesgeschichten so gern Gott spielen, sprechende Karpfen gebraucht?). Wie dem auch sei: "Maelström", in der eine junge Millionenerbin einen norwegischen Fischer überfährt, nur um sich mehr oder weniger zufällig in dessen Sohn zu verlieben, ist ein abstruses, überambitioniertes, alles in allem jedoch sympathisches Motivkonglomerat, das bei E.T.A. Hoffmann ebenso Anleihen nimmt wie bei E.A. Poe oder den märchenhaft-finsteren Welten eines Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet.

In finstere Gefilde staatlicher Historie hingegen führt die Jerry-Bruckheimer-Produktion "National Treasure". Angeblich war ja nicht nur Altkanzler Sinowatz Freimaurer, sondern auch manch Gründervater der USA, und davon handelt das als "Das Vermächtnis der Tempelritter" eingedeutschte Abenteuer. Also nicht von Fred Sinowatz, sondern von einem Schatz aus dem Orient, den Benjamin Franklin und andere uramerikanische Freunde des Pyramiden-Auges (siehe Dollarnote) versteckt haben; der verschlüsselte Lageplan findet sich auf der Rückseite der Declaration of Independence. Für den mit mehr Haar im Hemdkragen als auf dem Haupt antretenden Nicolas Cage wird die Schatzsuche zur patriotischen Schnitzeljagd. Allein, das Durchforsten von Monumenten, Texten und Trivia aus der Gründungszeit der Nation ist so umständlich und fad inszeniert, dass jede Szene schreit: Gebt uns "Indiana Jones 4", bevor Harrison Ford zu alt ist!


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