Fragen Sie Frau Andrea

Andenken

Stadtleben | aus FALTER 48/04 vom 24.11.2004

Liebe Frau Andrea,

Politiker denken neuerdings Probleme an bzw. wollen etwas "andenken". Genügte nicht, wenn sie vordenken bzw. über etwas nachdenken?

An sie denkend,

Ihr Gerald Grassl

PS: Als sozial engagierter Mensch irritiert mich das Wort "solidarisch". Was heißt denn das? Solid arisch?

Lieber Herr Gerald,

Politiker mit christlichen Problemen stehen dem Andenken näher als der Aufklärung. Dafür sorgt schon ihre körperliche Präsenz auf Sonntagsmessen, Seligsprechungen, Papstaudienzen und dem Verweilen an Andenkenständen. Über das Andenken nachzudenken gilt als unchristlich, weil es der Zerrüttung des Glaubens Vorschub leistet. Politiker beschäftigen sich allerdings auch mit Ansprachen. Vom Ansprechen von Missständen zum Andenken von Problemen ist es nur mehr ein paar Ruderschläge am seicht dahinplätschernden Fluss des Daherredens. Das Andächtige sollte ihnen mehr Sorge bereiten als die Bedeutung des Wortes Solidarität. Solidarisch hat mit arisch so wenig gemein wie Sozialismus mit Nationalsozialismus. Der Begriff ist aus dem französischen solidaire entlehnt und kommt vom lateinischen solidus (ganz), das mit salvus (gesund) verwandt ist. Die wohl schönste Beschreibung des Begriffs stammt vom argentinisch-kubanischen Revolutionär Ernesto Guevara. Für den Ché galt Solidarität als "die Zärtlichkeit zwischen den Völkern".

dusl@falter.at


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