PHETTBERGS PREDIGTDIENST (Nr. 637)

Alles wäscht sich

Stadtleben | aus FALTER 49/04 vom 01.12.2004

... In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und ... Die Leute ... zogen zu ihm hinaus ... und ließen sich ... im Jordan ... taufen ... Mt 3, 1-12 (Evangelium am 2. Adventsonntag eines Lesejahres A)

Sie können noch so verfeindet sein, bevor sie sich umbringen, waschen sie sich. Auch die, die ins World Trade Center flogen, haben sich in der Früh, bevor sie abflogen, gewaschen. Wie stark muss diese uns so sehr einigende Kraft wohl sein, dass Jugendbewegung um Jugendbewegung vergeht, ohne dass eine davon ausruft: "Wir aber waschen uns nicht!" Sogar die Milben, bevor sie ihr Tagwerk beginnen, unsere Sexualsekrete zu schlürfen, lecken ihre Körperchen sauber, scheißen dann auf unsere Leiber und lecken sich frisch und penibel. So stark also ist das ausgeprägt, dass sogar ich fürchte, gerochen zu werden.

  Von zwei Uhr nachts bis fünf Uhr früh scharwenzelte ich um ein Jüngelchen herum, das am sadomasochistischen Büchertisch nach dem Nachtfilm in der Stöbergasse stöberte, um es zu bewegen, mich zu sadisteln, wir saßen schon bei mir zu Hause nach dem Nachtfilm, so viele Jahrzehnte ist es schon her, aber die Niederlage blieb. Ich sei so eine Persönlichkeit, meinte er, es sei nicht denkbar, mich als Sklave zu nehmen, und ich musste mich viele Stunden erniedrigen und klein machen, bis ich klein genug war, dass er mich nahm. Um fünf Uhr früh nahm er mich und um neun Uhr am Vormittag war ich so durchgeknetet, dass ich es nicht mehr wagte, ihm in die Augen zu schauen. Jeder also kann sich mir gegenüber alles erlauben, es liegt der Zwang über mir, lieb zu sein. Ich weiß die Grenze nicht, wo ich Widerstand leisten muss, und wo ich meinem sexuellen Rausch mich hingeben soll. Denn wüsche ich mich nicht, würden potenzielle Sadistys mit mir gar nicht reden. Also wasche ich mich immer wieder, all die Jahrzehnte, umsonst, denn es genügt nicht, du musst auch attraktiv sein, waschen gilt als selbstverständlich. Aber warum wasche ich mich, wo ich doch seit Anbeginn niemals genommen werde?

  Ich halte Gummihandschuhe aus der Apotheke bereit, beachte das Ablaufdatum, werfe die Packung weg, bevor es abgelaufen ist, kaufe neue, umsonst, es greift niemand zu.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige