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Alt aussehen

Politik | aus FALTER 50/04 vom 09.12.2004

Schuld sind immer die anderen. Als alle Welt beklagte, dass die Österreicherinnen zu wenige Kinder gebären, lästerte Elisabeth Gehrer über die partysüchtige Jugend. Nun, wo die Pisa-Studie den Schülern ein schlechtes Zeugnis ausstellte, schob die ÖVP-Bildungsministerin im ersten Schreck den Eltern den schwarzen Peter zu. Schlechte Ausreden für eine Politikerin, die seit gut neun Jahren regiert. Natürlich ist Gehrer nicht allein an der Schulkrise schuld. Tatsächlich könnten auch gesellschaftliche Veränderungen eine Rolle spielen; wenn beide Eltern arbeiten, bleibt weniger Zeit für die Kinder. Politiker haben darüber allerdings nicht zu jammern, sondern müssen das Unterrichtssystem an die neuen Herausforderungen anpassen. Und dabei hat die ÖVP geschlafen, das zeigt ein Blick nach Finnland. Im Land des Pisa-Siegers gibt es all das, was schwarze Bildungspolitiker seit jeher verboten haben: Finnische Schüler besuchen bis ins Alter von 16 Jahren eine Gesamtschule, verbringen dort den ganzen Tag inklusive Mittagspause und bleiben am Jahresende nur in Ausnahmefällen sitzen. "Leistungsfeindlich", schrie die ÖVP stets, wenn ihr jemand mit solch häretischen Ideen kam. Als die SPÖ vor einem Monat finnisch angehauchte Vorschläge präsentierte, taten die Schwarzen diese als "Modelle aus der Mottenkiste" ab. Jetzt sehen sie selbst sehr alt aus. G. J.


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