STREIFENWEISE

Kultur | MAYA McKECHNEAY | aus FALTER 50/04 vom 09.12.2004

Im Badeanzug wirst du mich nicht zeigen", sagt die alte Dame mit großer Bestimmtheit zum Filmemacher. "Und wenn, dann höchstens im Wasser." Sie ist eine der sieben Meisterschwimmerinnen, die vor dem Zweiten Weltkrieg für den jüdischen Sportklub Hakoah Wien antraten und nach dessen Auflösung durch die Nazis 1938 ins Ausland emigrierten. Wie auch ihre Kolleginnen ist sie weit über achtzig und plant, für den Film in ihre Geburtsstadt zurückzukehren, um mit den Freundinnen von damals noch einmal eine Bahn im alten Trainingsbecken des Amalienbades zu ziehen. "Hakoah Lischot" ist der erste Dokumentarfilm des Amerikaners Yaron Zilberman. Und vor allem während der Gespräche mit den für ihr Alter erstaunlich agilen und gewitzten Protagonistinnen wird deutlich, dass es sich dabei um ein Herzensprojekt handelt. Dennoch, oder vielleicht gerade weil Zilberman der Abstand fehlt, gelangt "Hakoah Lischot" über die Qualität einer Fernsehdoku nicht hinaus. Ständig beredt in Bild und Ton zoomt der Film in Fotos hinein und wieder heraus oder beschwört musikalisch Stimmungen, wo Stille angebrachter wäre. So wird mancher berührende, beklemmende Moment im allgemeinen Strom der Erzählung davongetragen. Oder anders gesagt: Es fehlt der Mut, einmal nicht zu unterhalten.

  Eine kurze Ankündigung noch, für Frühleser und Kurzentschlossene: Am Mittwoch, 8. Dezember, zeigt das DeFrance-Kino unter dem Titel "5 millimeter" vier kurze Spiel- und Dokumentarfilme von der Filmakademie, darunter das dokumentarische Experiment "Leb wohl, Bruder" von Wolfgang Muhr. Muhrs Film beginnt als Fake-Doku, in der ein Filmteam eine junge Frau (Sonja Romei) und deren Freund (Jürgen Maurer) in den Weinberg begleitet, wo sein Bruder Selbstmord beging, und endet mit einem Eklat zwischen Filmemacher und Schauspielern, denen die Situation schließlich selbst zu intim wird. So verschwimmen allmählich die Grenzen zwischen Dokument und Fiktion.


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