Fragen Sie Frau Andrea

Strohwitwentum

Stadtleben | aus FALTER 50/04 vom 09.12.2004

Liebe Frau Andrea!

Das Wort "Strohwitwe" kenne ich zwar schon lange, aber nachdem das meine Generation nicht nur nicht verwendet, sondern nicht mal weiß, was das ist, hätte ich mich ja fast verunsichern lassen und es für eine Erfindung meiner Großeltern gehalten. Jetzt bin ich aber draufgekommen, dass es das Wort sogar im Russischen gibt, es muss also weit verbreitet sein. Bleibt die Frage: Woher kommt es?

Mit freundlichen Grüßen,

Ruruth, Internet

Liebe Ruruth,

eine Wiener Mythologie will den Begriff von den Witwen herleiten, deren Männer früh an Alkoholabusus verstarben. Sie spielt auf den Namen der Vernichtungsdroge Inländer-Rum aus dem Hause Stroh an. Tatsächlich ist das Wort aber viel älter und auch weiter verbreitet als der hochprozentige Schnaps aus heimischer Destillerie. Generell bezeichneten unsere bäuerlichen Vorfahren mit dem abschätzigen Ausdruck Strohwitwe ein Mädchen, deren Freund gerade verreist war und der man nachsagte, sie läge auf dem Stroh(-Bett). Eine andere Etymologie mäandert um die Metaphorik, nach der eine Witwe aus Stroh - im Gegensatz zu einer aus Korn - eine unechte, eine falsche wäre. Nicht ohne ist folgender Erklärungsansatz: Die Ähnlichkeit der Worte Strowit(we) und Strawant(sa) ist zu groß, als dass sich dahinter nicht eine Verwandschaft verbergen könnte. Kommt doch Strawantsa, Strawanza vom italienischen Adjektiv stravagante und bezeichnet eine herumstreunende Person.

dusl@falter.at


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