PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Warum manche ertragen werden

Stadtleben | aus FALTER 50/04 vom 09.12.2004

... Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten? ...

Mt 11,2-11 (Evangelium am 3. Adventsonntag eines Lesejahres A)

Da ist ein Trakt, der nur sichtbar wird, wenn er nicht gesehen wird. In etwa, wenn du träumst, du schliefest, und du träumtest. Zunächst einmal kommt jedes Baby mit dem gewaltigen Trakt zur Welt. Denn niemand kann wegschaun, wenn ein Baby den Raum betritt. Oder ein Riesenkänguru, wenn es in der Nacht auf RTL2 lümmelt. Und alle gehen beruhigt schlafen, wenn es weghüpft. Das ist der Trakt, von dem ich rede.

  In der Sarah-Kuttner-Show auf Viva sang jeden Tag einer Karaoke, der Sänger einer Band aus Irland, ich habe den Namen nicht behalten. Aber dessen Trakt war groß. Du saßest mit Augen und Maul vor dem Gerät und konntest nicht aufhören, gefesselt zu sein. Ich vermute, sie schnappten den sicher in Irland vollkommen Berühmten und schleiften ihn in eine Karaokebude und ließen ihn zwanzig ihm vollkommen unbekannte, teilweise steinalte Hits singen. Sie spielten jeden Abend ein Stück, wo der Gigantische karaokierte, und die Welt war erfüllt. Du warst gebannt von dem Trakt. So sollten alle Radiostationen sich auszustatten beginnen, indem sie Abgefilmte mit diesem gewissen Trakt, der sich ihnen so glückhaft unsichtbar erhielt, auf Bildschirme ausstrahlen, während sie karaokisieren.

  Jetzt sind wir ja viele Milliarden auf dem Planeten. Ausnahmslos alle am Körper mit diesem Trakt. Und wenn du so viele Milliarden aufeinander loslässt, bleibt alle Bot einer wie anwachsen stehn, hingerissen vom Trakt eines Begegneten, und himmelt ihn an. Das ist wohl klar, also kann ich nichts Allgemeingültiges über diesen unsichtbaren Trakt sagen. Am ehesten nur verweisen, auf diesen unsichtbaren zweieinhalb Meter großen, weißen Hasen Harvey, der James Stewart sein ganzes Leben lang begleitete. Weil sein Trakt so heilig war. Und eingebettet. Alle tragen diesen Trakt, von der Milbe angefangen, oder der Amöbe, und selbst die Pilze, von den Pflanzen ganz zu schweigen.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abbonieren.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige