KUNST KURZ

Kultur | aus FALTER 51/04 vom 15.12.2004

Es gab niemanden, der brillantere Aufnahmen gemacht hat", meinte der Architekt Roland Rainer einmal über Lucca Chmel (1911-1999). Im WestLicht ist jetzt endlich eine Einzelausstellung von Österreichs erster Architekturfotografin zu sehen (bis 9.1.). Chmels umfangreicher Nachlass wurde von der Nationalbibliothek bereits 1996 erworben. Aus den über 5000 Vintage-Prints und 100.000 Glasplattennegativen zeigt die Schau eine Auswahl, die nur begeistern kann. Chmel hat der architektonischen Nachkriegsmoderne ein Denkmal gesetzt: jedes Gebäude, jedes Interieur ein Ereignis. Mit milder Strenge inszeniert sie funktionalistische Kanten und abgerundete Ecken der Fünfziger-Eleganz. Die Fotos führen an liebevoll gestaltete Orte, die auch ein biederes Gesicht kannten. Bei Chmel treten sie jedoch stets im International Style auf. Viele davon existieren heute nicht mehr. "Forum" oder "Metropol" hießen die Kinos der Wochenschau-Zeit; "Espresso Rainer" und "Espresso Hochhaus" brachten italienisches Flair nach Wien. Wie schick die Fünfzigerjahre sein konnten, beweisen auch die tollen Fotos des Nachtlokals samt Terrassenbetrieb am Cobenzl. Optimistische Kollektivität spricht aus den menschenleeren Bildern von Fabriken, Stadions, Kirchen oder Bibliotheken.

  Chmels Aufnahmen vermitteln ein ganz spezifisches Raumgefühl und dabei gleichzeitig eine Fülle von Details. Die Kamera orientiert sich an Oberflächentexturen von Tapeten, Wandverschalungen oder Fliesen, anhand derer die räumliche Geometrie unterstrichen oder kontrapunktisch wieder aufgenommen wird. Die Ausstellung zeigt, wie gut die ausgebildete Malerin und allein erziehende Mutter Baukörper im Bild situieren konnte (zum Beispiel die Stadthalle oder das ehemalige AKH) und wie genial sie Innenräume über Lichtdramaturgie vermittelte. Ein Ausstellungsbesuch wird dringend empfohlen, denn im Katalog sind Chmels kontrastreiche Fotografien enttäuschend verwaschen reproduziert.

NICOLE SCHEYERER


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