BRODSKYS "WEIHNACHTSGEDICHTE"

Durchs winterliche Waste Land

Kultur | ERICH KLEIN | aus FALTER 52/04 vom 22.12.2004

Eine Minimalvariante von Joseph Brodskys Poetik lautet: "Eine Schule ist eine Fabrik ist ein Gedicht ist ein Gefängnis ist akademisch ist Langeweile mit Blitzen von Panik." Die 17 Weihnachtsgedichte, entstanden zwischen 1962 (dem Jahr von Brodskys erster Verhaftung durch die Sowjetmacht) und 1995, stellen einen Ausbruch aus allen dichterischen, aber - in der Sowjetunion mit ihrem staatlich verfügten Atheismus - auch aus allen lebensweltlichen Konventionen dar.

  Provokant sind die Texte auch über den sowjetischen Kontext hinaus, den das Eröffnungsgedicht, "Eine Weihnachtsromanze", evoziert. Es ist jene Melancholie, die in der "vegetarischen Phase des Kommunismus" (nach den Blutbädern des Stalinismus) ausnahmslos alle russischen Autoren erfasste und in der hier ein Schwarm somnambuler Trinker, ein unbekannter Sänger, ein unglückseliger Schwimmer und Schneeflocken durch ein weihnachtliches Moskau treiben. Ein neues Jahr schwimmt "auf blauer und dunkeler Woge durch die Meere dahin


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