SPIELPLAN

CHRISTOPHER WURMDOBLER | Kultur | aus FALTER 02/05 vom 12.01.2005

Wo gibt's denn so was? Paul Capsis zeigt im Schauspielhaus bereits in der dritten Saison "Boulevard Delirium" (bis 30.1.). Das "Stück Show Theater", das sich Regisseur Barrie Kosky 2002 mit dem und für den australischen Entertainer ausgedacht hat, wurde für die Wiederaufnahme überarbeitet, beinhaltet aber immer noch sehr wenig "Theater", dafür umso mehr "Show". Es geht um Ikonen wie Marlene Dietrich, Judy Garland, Billie Holiday, Janis Joplin und Bessie Smith, die "Empress of the Blues". Caspis verkörpert die Diven regelrecht, imitiert Stimme, Gestik und Attitüde bis zur Perfektion, vernachlässigt jedoch dabei die Geschichte(n) und macht - gemeinsam mit einer Liveband - das Theater zum Musikklub. Was nicht heißt, dass das die Leute nicht vom Hocker reißen würde. Im Gegenteil: Capsis und seine Männer rocken das Haus - halt weitgehend ohne Story. Travestie ohne Fummel und Lippenstift, dafür mit Eigenhaar und -stimme. So queer war Wien schon lang nicht mehr. Marlene lebt.

Tot ist der Herr Generaldirektor. Zumindest jener in "anus minimalis" von der österreichischen Autorin Gabriele Kögl. Das Theater Brett zeigt (bis 5.2.) die Uraufführung dieser Farce, in der es tatsächlich um kleine und große Arschlöcher geht. Um das (Gesundheits-)System zu retten, mögen sich alle den Darmausgang operativ verkleinern lassen, und wer die Leber des Direktors (das - Obacht, Wortspiel! - "Zentralorgan") verspeist, hat die Macht gefressen. So und so ähnlich geht es bei Kögl dahin. Das ist manchmal ganz witzig (zum Beispiel, wenn sich die Figuren über ihre Autorin ärgern), ein bisschen schweinisch (der ganze erste Akt wird kopulierend bewältigt), aber auch nervig, weil: So drastisch, wie das alles klingt, ist es nun auch wieder nicht. Das könnte an der kargen Inszenierung von Brett-Direktor Ludvík Kavín liegen. Kögls Stücke wurden bisher vor allem szenisch gelesen. Vielleicht sollte man das auch mit dem Arschloch-Text mal probieren.


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