THE WIENER LIBRARY

Archiv des Schreckens

Kultur | aus FALTER 04/05 vom 26.01.2005

Die Anfänge der Wiener Library reichen bis Mitte der Zwanzigerjahre zurück, als der Centralverein Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens als Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus in der Weimarer Republik sein eigenes Archiv einrichtete. 1933 mussten die Bestände zwar vernichtet werden, aber der Vorsitzende des Centralvereins, Dr. Alfred Wiener (1885-1964), setzte die Sammeltätigkeit nach seiner Flucht weiter fort und gründete, zusammen mit David Cohen, das Jewish Central Information Office in Amsterdam.

  Bei seiner Übersiedelung nach London (1939) besaß das Büro, das bis heute unter dem Namen Wiener Library bekannt ist, bereits mehr als 8000 Bücher und Zehntausende von Presseausschnitten. Während des Zweiten Weltkriegs griffen das Ministry of Information und andere Regierungsbehörden auf die Bibliothek zurück, die aufgrund ihrer vorausschauenden Sammelpolitik zu einem führenden Forschungszentrum zu Nationalsozialismus und Faschismus wurde. So begann man etwa schon in den Fünfzigerjahren, systematisch Augenzeugenberichte von Emigranten und Überlebenden des Holocaust zu dokumentieren. Aus budgetärer Not wurden 1980 die meisten Bücher und Materialien auf Mikrofilm kopiert und die unersetzlichen Originale an die Universität von Tel Aviv überführt.

  In der Vergangenheit statteten Thomas Mann, der deutsche Bundespräsident Theodor Heuss und viele andere Prominente der Bibliothek einen Besuch ab. In "Things. Places. Years" (Regie: Simone Bader und Jo Schmeiser) führt Katherine Klinger, vor Kälte zitternd, in das Archiv im Keller hinunter. Es gibt weder Heizung noch Klimaanlage. "A Library of Horrors", schrieb eine Zeitung einmal. Damit war zweifellos aber etwas anderes gemeint.

Wiener Library (4 Devonshire Street, London W1N 2BH), www.wienerlibrary.co.uk


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